St. Andreas Gemeinde Springe

 

von "Gott sei Dank TV"

Sieben Wochen (etwas) anders leben

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Eine Zeit des bewussten und freiwilligen Verzichts auf (oftmals lästige) Gewohnheiten, mit deren Unterbrechung manche überprüfen wollen, ob sie diese endgültig aufgegeben können: Rauchwaren, Süßes, das gewohnheitsmäßige Gläschen zur Entspannung und, und, und.
Andere legen eine Pause ein: eine Zeit ohne TV, private Nutzung von Smartphone und/oder Computer. Statt dessen "Fasten plus": lesen, Musik hören, einmal täglich laut singen, spazieren gehen, jeden Tag ein Kompliment machen, Tagesbuch schreiben ...

Fasten Sie? Wenn ja, was haben Sie sich vorgenommen und welche Erfahrungen machen Sie dabei?
Schreiben Sie auf, was Sie bewegt. Auch hier im Internet auf unserer Homepage und treten Sie in Kontakt mit Weggefährten während Sie sich "wandelnd" auf Ostern zu bewegen.

Der Verlag "andere zeiten" begleitet mit einem Fasten-Wegweiser Fastende aller Art. So kann ein sehr persönlicher  Weg auch immer wieder in Gemeinschaft erlebt werden. Auf der Suche nach dem Wesentlichen im eigenen Leben.

Und weil Sie den Weg zu unserer Homepage gefunden haben, finden Sie hier bei uns in St. Andreas bis Ostern für jeden Sonntag einen Impuls aus diesem Fasten-Wegweiser. Als Anregung, zur Besinnung und zum Nachdenken.

Aufgeschnappt! Zitate zum Thema Fasten

Benediktinerpater Anselm Grün:
»Fasten heißt, Süchte wieder in Sehnsüchte zu verwandeln.«
18. Februar - 1. Sonntag

Invokavit

Es war ein schleichender Sinnverlust, den ich mit Mitte 40 feststellte. Irgendwie war die Luft raus, ich litt unter einem mentalen Vakuum. Ich probierte dies und jenes, aber es war mir zu wenig. Auf der Suche nach Sinn kam ich schließlich auf die Idee, nach einigen gebetslosen Jahrzehnten mal wieder Gott anzurufen. Auch das war kein Selbstgänger. Die alten Kindergebete funktionierten nicht mehr. Also versuchte ich es mit dem Vaterunser. Erst leise und allein im 'stillen Kämmerlein', dann laut und mit vielen in der großen Kirche. Ohne Erfolg: keine Reaktion. Ich vertagte die Idee und fing erstmal an, jeden Morgen zu joggen. Das soll ja auch neue Kräfte bringen. Plötzlich kam mir die Idee: Warum nicht eine Kombination aus Laufen und Beten versuchen? Das klappte schon besser, weil ich mich in der Trance der Bewegung stärker fokussieren konnte. Ich rief, ich schrie das Vaterunser in den Wald. In Gedanken und, wenn ich niemanden sah, auch aus voller Kehle. Und je mehr ich rief, umso deutlicher erkannte ich, dass ich nicht auf eine Antwort warten musste. Mein Rufen war die Antwort auf Seinen Ruf.
Frank Hofmann
25. Februar - 2. Sonntag

Reminiscere


Unser Lieblings-Familien-Kuscheltier ist ein Bär mit etwas tollpatschig schielenden Augen. Auf einem kleinen Schild der Hosenaht steht sein Name: Not-good-enough. Gäste nehmen ihn gern auf den Schoß, so selb
stverständlich, als würden sie ihn lange kennen. Not-good-enough ist offensichtlich für viele ein Seelen-Ureinwohner. Ich bin mit ihm groß geworden, mit diesem nagenden Gefühl: "Das ist nicht gut genug. Das reicht nicht. Du hättest es anders und besser machen können!". Auch wenn mir etwas wirklich gut gelungen ist, gibt es einen Teil in mir, der die alte Rolle noch spielt. Einen Lebensspiel-Verderber. Einen Richter mit hohen Ansprüchen, der nie mit mir zufrieden ist und schlechte Stimmung verbreitet.

Ich will ihn in den Arm nehmen. Will mich immer wieder an die anderen Stimmen erinnern, die auch da sind: "Trau dich, ins Leben zu springen. Bring dich ein mit deinen Gaben und sieh, was die anderen Besonderes haben. Tu etwas für ein gutes Zusammenspiel, für die Freude an der Sache und an den Menschen - auch an dir selbst!".
Melanie Kirschstein
04. März - 3. Sonntag

Oculi


Anfangs war ich seinem Blick ausgewichen. Der Obdachlose im Park nervte mich ein bisschen. Obwohl er mir nichts tat. Meist saß er auf seiner Bank und sah vor sich hin. Als ich mit meiner Tochter auf der Wiese spielte, schaute er uns zu. Schon ein bisschen älter der Mann, gelichtetes Haar, grauer Bart. Vielleicht war er dankbar für die Ablenkung. Aber ich fühlte mich unangenehm beoachtet - bis unsere Blicke sich trafen. Es war ein warmer Blick, der mich traf. Freundlich. Ein bisschen amüsiert. Der Obdachlose hatte trotz seiner Krücken den Ball zurückgekickt. Als wir ins Gespräch kamen, erfuhr ich, wieso und wie die Bank zu seinem Zuhause geworden war. Und dass er uns gerne zuschaute. Seither ist der Obdachlose im Park nicht mehr der Obdachlose für mich, sondern Herr B. Radele ich durch den Park, winke ich ihm zu und rufe: "Halle Herr B.". Spiele ich mit meiner Tochter auf der Wiese, lasse ich mir gern zukucken - gern auch zur Unterhaltung. Ich fühle mich nicht mehr beobachtet, sondern angeschaut. Und schaue zurück.
Kai-Uwe Scholz11. März -  4. Sonntag

Laetare


Dein Kind kommt zur Schule, es ist groß, freue Dich! Beim Einschulungsgottesdienst laufen mir die Tränen über die Wangen. Es sind nicht nur Freudentränen.
Freue dich, du hast Urlaub und kannst dich entspannen! Doch mit der Ruhe kreisen die Gedanken um all das, was im Leben gerade nicht so rund läuft. Ich bin angespannt.Es ist bald Ostern, also freue dich, die Fastenzeit ist zur Hälfte geschafft! Ich bin gereizt und will am liebsten mein Fasten brechen.
Ich kenne sie gut, diese Situationen, in denen ich denke: "Los! Du solltest dich eigentlich freuen!" Aber kann mir das denn befohlen werden? Freude auf Knopfdruck funktioniert bei mir nicht. Ich grübele beim Autofahren vor mich hin, über die Freude und das Freuen-Sollen und ramme eine Bordsteinkante, rechts sind beide Autoreifen sofort platt. Das Geld für die Reifen war eigentlich bereits für das Geburtstagsgeschenkt meines Mannes verplant gewesen. "Laetare, freuet euch, schön wär's'", denke ich. Zuhause verschluckt sich mein Jüngster an einem Bonbon: erst nach Schreckminuten rutscht das Ding mit viel Wasser endlich an die richtige Stelle. Jetzt freue ich mich. Jetzt freue ich mich richtig. Und ich sehe, wie nahe sich Leid und Freude sein können. Schatten und Licht. Tief und Hoch. Ich greife nach meiner Geige und fiedele ein bisschen vor mich hin - von Moll zu Dur. Bald ist Ostern.
Sarah Seifert18. März - 5. Sonntag

Judica


Meinen Beruf: habe ich gewählt. Meine Kleidung wähle ich auch. Was ich denke, sagen ich. Wenn ich wollte, würde ich Fußball spielen. Ich könnte Frauen lieben, Nonne sein,  Bischöfin oder Herzchirurgin (jedenfalls theoretisch). Ob Kinder haben möchte oder nicht, kann ich entscheiden. (Ob sie dann wirklich kommen, liegt nicht in meiner Hand.) Ich kann ein Bankkonte eröffnen, ein Haus kaufen, eine Firma günden. Ich kann, wenn es sein muss, vor Gericht gehen. Natürlich darf ich Auto fahren. Ich kann mich entscheieden zu glauben, weil es mein Leben aufregender macht. Aber niemand zwingt mich.
Ich könnten Bundeskanzlerin werden oder jetzt, in gesetztem Alter, Bundespräsidentin. Ich habe Glück gehabt. Ich bin in einem Land geboren, in dem das möglich ist. Meine Familie hat mich unterstützt. Niemand hat mir das Gefühl gegeben, etwas nicht erreichen zu können, weil ich eine Frau bin oder Christin, weil ich blond bin oder an einem Dienstag geboren - jedenfalls niemand, der sich nicht widerlegen ließe. Das Glück haben nicht alle. Deshalb: "Tu deinen Mund für die Stummen auf. Schaffe Recht den Unterdrückten."
Wer sonst, wenn nicht ich?
Susanne Niemeyer
25. März - 6. Sonntag

Palmarum

Ob ich das schaffen würden? Ich konnte es mir fast nicht vorstellen, aber ich ging los. In der Pilgerherberge in dem kleinen Dorf am Fuße der Pyrenäen schulterte ich meinen Rucksack und brach auf in die Berge. Ich, die ich mich bis dahin nur auf höchstens sieben Meter über dem Meeresspiegel bewegt hatte, wanderunerfahren, untrainiert, wollte pilgern auf dem Jakobsweg. 800 Kilometer von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. Schritt für Schritt setzte ich meine Füße voreinander. "In der Pause muss man die Socken ausziehen, sonst gibt es Blasen", sagten die einen. "Bloß nicht! D'u musst immer die Socken anlassen", meinten die anderen. Das Einzige, was ich musste, war, dass ich gut auf meinen Körper würde hören müssen, denn noch zwei Wochen zuvor hatte ich mit heftigen Rückenschmerzen flachgelegen. Also ging ich. Vorsichtig. Behutsam. Ich habe Zeit, sagte ich mir, nichts muss. Viele andere Pilger zogen an mir vorbei. Es ging bergauf, es wurde Mittag. Scharen überholten mich. Und dann war ich allein. Atemzug um Atemzug wurde ich gelassener. Schritt für Schritt wurde ich stärker. Kilometer um Kilometer wurde ich zuversichtlicher. Ich passierte die grüne Grenze zwischen Frankreich und Spanien und kam aus der oft steinigrauen Felslandschaft des Gipfels wieder hinunter in bewachsene Gefilde. Da eröffnete sich mir eine kleine Allee aus knorrigen Bäumen, die voll mit sattgrünen Blättern waren. Als ich zwischen sie trat, sanken meine Füße knöcheltief in einen flauschigen Teppich aus weichem Laub ein. Ich raschelte mit den groben Schuhen durch das feine Laub und ging wie auf Wolken. Jeder meiner Schritte war etragen. Jeder meiner Schritte war behütet. An dieser Stelle hieß der Pilgerweg mich willkommen und schien zu sagen: "Dein Weg ist bereit."
Kirsten Westhuis