St. Andreas Gemeinde Springe

HAZ - 7.2.2018

Springe. Sollte es eine kirchliche Komfortzone geben, dann will St.  Andreas sie freiwillig verlassen. Die Gemeinde hat ein landesweit einmaliges Modellprojekt konzipiert: Sie will bewusst auf Menschen zugehen, die nichts mit Kirche anfangen können. „Wir sind bereit, das zu hören, was uns wehtut“, sagt Pastor Klaus Fröhlich. Für das Experiment wurde die neue Diakonin Janette Zimmermann eingestellt. Die Kirchengemeinde hat ihr drei vielsagende Sätze in ihren Vorstellungstext geschrieben: „Luther reformierte die Kirche vor 501 Jahren. Jetzt sind wir dran. Es wird mal wieder Zeit.“

Große Worte. Überall gibt es christliche Gemeinden, die bedauernd beobachten, wie ihre Mitgliederzahlen einbrechen. Das Problem ist nicht neu – genauso wenig wie die Vorschläge, wie man den Trend stoppen könnte. Bahnbrechende Erfolge? Bislang Fehlanzeige. „Der übliche Ansatz ist: Das, was wir jetzt machen, müssen wir aufhübschen. Dann kommen die Leute wieder“, erzählt Fröhlich. „Wir haben uns dagegen vorgenommen, alles auszuhalten, was herauskommt.“ Erstaunlich ist das, weil St. Andreas ein durchaus funktionierendes Gemeindeleben hat – von dem Leidensdruck, den es in vielen anderen Ecken Niedersachsens gibt, ist hier bislang nur wenig zu spüren.

Die Landeskirche glaubt genau deshalb daran, dass sie in Springe neue Erkenntnisse gewinnen kann: Der Projektantrag wurde in Hannover für so gut befunden, dass es neben dem kirchlichen auch monetären Segen gibt: Aus Hannover kommen 75 Prozent der Personalkosten, entnommen aus dem Fonds „Missionarische Hilfen“. Auch der Kirchenkreis beteiligt sich mit einer namhaften Summe. Den Rest muss St.  Andreas beisteuern. Fröhlich weiß: Vergleichbare Projekte spielen in größeren Städten oder in Dörfern. „Im kleinstädtischen Milieu sind wir einmalig. Deshalb der Modellcharakter.“

„Es gibt kein Zielfoto“

Was genau Zimmermann in den kommenden fünf Jahren vorhat? Die 33-jährige Religionspädagogin sagt lachend: „Es gibt kein Zielfoto.“ Das sei der Clou, hakt Fröhlich ein: „Wir kommen nicht mit vorgefertigten Ideen.“ Für ihren Start ist Zimmermann wichtig, „Menschen eine religiöse Kontaktfläche zu geben, die sie gestalten und mit Leben füllen können“. Sie sei überzeugt: „Der Glaube an Gott ist so wertvoll, dass es viel zu schade ist, wenn er nur im Kirchengebäude bleibt. Da geht noch mehr." Die Mutter von zwei Kindern möchte genau hinhören, sie will von Haus zu Haus ziehen und fragen, was ihr Gegenüber von der Kirche erwartet. Sie möchte Antworten erhalten, warum sich vor allem Singles rar machen in den Gemeinden, warum Eltern zwar mit ihren Kindern an Veranstaltungen teilnehmen, aber sich schwertun, wenn der Nachwuchs nicht im Schlepptau ist. Vor allem die 25- bis 45-Jährigen interessieren sie. Aber auch Ältere sollen sich äußern. Nach ihren ersten Besuchen ist sie überzeugt: „Der Gesprächsbedarf ist unerwartet groß.“ Sie treffe teils Menschen, die religiöser sind, als sie selbst glauben. Interessiert seien viele, nur Anknüpfungspunkte an ihre Ortsgemeinde haben sie bisher nicht gefunden.

Von Marita Scheffler