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Andachten

Andacht für die Woche vom 24.7. - 31.7.2022 zum Wochenlied Nr. 200 von Sup.i.R. Jürgen Flohr

Andacht zum Wochenlied Nr. 200 für den 6. Sonntag nach Trinitatis                (24. Juli 2022)
 
Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist;
Ich bin gezählt zu deinem Samen, zum Volk, das dir geheiligt heißt.
Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt.
 
Du hast zu deinem Kind und Erben, mein lieber Vater, mich erklärt;
du hast die Frucht von seinem Sterben, mein treuer Heiland, mir gewährt;
du willst in aller Not und Pein, o guter Geist, mein Tröster sein.
 
Doch hab ich dir auch Furcht und Liebe, Treu und Gehorsam zugesagt;
ich hab, o Herr, aus reinem Triebe dein Eigentum zu sein gewagt;
hingegen sagt ich bis ins Grab des Satans schnöden Werken ab.
 
Mein treuer Gott, auf deiner Seite bleibt dieser Bund wohl feste stehn;
wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht verloren gehen;
nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an, wenn ich hab einen Fall getan.
 
Ich gebe dir, mein Gott, aufs Neue Leib, Seel und Herz zum Opfer hin;
erwecke mich zu neuer Treue und nimm Besitz von meinem Sinn.
Es sei in mir kein Tropfen Blut, der nicht, Herr, deinen Willen tut.
 
Lass diesen Vorsatz nimmer wanken, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist.
Halt mich in deines Bundes Schranken, bis mich dein Wille sterben heißt.
So leb ich dir, so sterb ich dir, so lob ich dich dort für und für.
 
 
Liebe Lesende,
 
Das Lied ist vermutlich vielen von uns gut bekannt von den Taufen her, die wir mitgefeiert haben, sei es in der Familie oder im Gemeindegottesdienst.
Es ist das Lied eines Christen, der sich an seine eigene Taufe erinnert und der sich in den 6 Strophen des Liedes klarmacht, was es für ihn und sein Leben bedeutet, dass er getauft ist.
        
     Das beginnt in der 1. Strophe damit, dass der Sänger sich auf die Tatsache besinnt, dass er getauft ist, - und zwar auf den dreieinigen Gott der Christen. Deswegen gehört er seitdem zum Volk Gottes und ist beschenkt mit dem Heiligen Geist. 
     Die 2. Strophe sagt, dass Gott uns Getaufte zu seinen Kindern erklärt hat, dass er uns erlöst hat durch den Heiland Jesus Christus und dass er uns nun trösten will in allen Nöten, die uns treffen.
     Dieser Zusage Gottes entspricht auf unserer Seite in der 3. Strophe, dass wir uns an Gott binden in Liebe und Treue und dass wir allen teuflischen Einflüssen widerstehen wollen.
     Die 4. Strophe stellt fest, dass Gott treu an seinem Bund mit uns festhält, dass es bei uns aber schon passieren kann, dass wir uns von Gott entfernen. In diesem Fall bitten wir mit dem Liederdichter, Gott möge uns nicht verloren geben, sondern in Gnaden wieder annehmen, wenn wir zu ihm zurückkehren.
     Nach diesem Blick in den Abgrund der Gottesferne will sich der Sänger in der     5. Strophe aufs Neue dem Vertrauen auf Gott hingeben. So bittet er den Herrn, ihn selber mit Herz, Seele und Verstand in Besitz zu nehmen, sodass er wirklich Gottes Willen tue.
     Diese Absicht, mit Gott fest verbunden zu sein und zu bleiben, bekräftigt der Dichter in der 6. und letzten Strophe noch einmal. Er bittet darum, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist solle ihn in seinem Bund halten für das ganze Leben; und diese  Bitte unterstreicht er mit der Leben und Tod umfassenden Formulierung „So leb ich dir, so sterb ich dir.“
 
Der Liederdichter Johann Jakob Rambach macht uns mit seinem Tauflied darauf aufmerksam, dass eine wohlverstandene und ernstgenommene Taufe das ganze Leben des oder der Getauften beeinflusst. Die Taufe bindet ihn oder sie an Gott und an die christliche Gemeinde und eröffnet diesem Menschen große Möglichkeiten, sein Christsein nun auch zu leben im Alltag und in Gemeinschaft mit anderen Christen.
Dabei sollten ihm die Menschen um ihn herum genauso viel bedeuten wie die eigene Person. 
Deshalb wäre die Taufe also sehr wichtig für unser Leben von seinem Anfang bis zu seinem Ende.
     Was meinen Sie, wie viele Getaufte dieser Behauptung zustimmen würden? Ich vermute,es wären viele.
        Und wie viele Getaufte würden wohl sagen, dass das Getauftsein und der christliche Glaube eine bestimmende Rolle spielen in ihrem Leben? Ich vermute, das wären leider sehr viel weniger.
 
Was heißt das für uns, die wir getaufte Christinnen und Christen sind? 
     Ich meine, dass wir uns selber und andere an unsere Taufe erinnern sollten z.B. in Tauf-Erinnerungs-Feiern, die ja inzwischen auch öfter vorkommen in unseren Gemeinden. Und ich meine, dass wir unser Christsein nicht verstecken sollten weder am Alltag noch am Sonntag. Sondern wir sollten als fröhliche Kinder Gottes unseren Glauben auch bezeugen dort, wo wir leben, allerdings ohne anderen Menschen  damit auf die Nerven zu gehen wie es manche Gruppen in Gottes buntem Garten tun.
 
        Ob uns solches unverkrampfte christliche Zeugnis hier oder dort gelingen kann? Bitten wir Gott dafür um seinen Beistand, und freuen wir uns darüber, dass wir getauft sind!
 
Jürgen Flohr

Andacht für die Woche vom 17. bis 23. Juli 2022 zum Lied EG 241 - Sup.i.R. Wilhelm Niedernolte

1) Wach auf, du Geist der ersten Zeugen,
 die auf der Mau'r als treue Wächter stehn,
 die Tag und Nächte nimmer schweigen
 und die getrost dem Feind entgegengehn,
 ja deren Schall die ganze Welt durchdringt
 und aller Völker Scharen zu dir bringt.
2) O dass dein Feuer bald entbrennte,
 o möcht es doch in alle Lande gehn!
 Ach Herr, gib doch in deine Ernte
 viel Knechte, die in treuer Arbeit stehn.
 O Herr der Ernte, siehe doch darein:
 die Ernt ist groß, die Zahl der Knechte klein.
3) Dein Sohn hat ja mit klaren Worten
 uns diese Bitt in unsern Mund gelegt.
 O siehe, wie an allen Orten
 sich deiner Kinder Herz und Sinn bewegt,
 dich herzinbrünstig hierum anzuflehn;
 drum hör, o Herr, und sprich: "Es soll geschehn."   
4) So gib dein Wort mit großen Scharen,
 die in der Kraft Evangelisten sein;
 lass eilend Hilf uns widerfahren
 und brich in Satans Reich mit Macht hinein.
 O breite, Herr, auf weitem Erdenkreis
 dein Reich bald aus zu deines Namens Preis!
5) Ach dass die Hilf aus Zion käme!
 O dass dein Geist, so wie dein Wort verspricht,
 dein Volk aus dem Gefängnis nähme!
 O würd es doch nur bald vor Abend licht!
 Ach reiß, o Herr, den Himmel bald entzwei
 und komm herab zur Hilf und mach uns frei!
6) Ach lass dein Wort recht schnelle laufen,
 es sei kein Ort ohn dessen Glanz und Schein.
 Ach führe bald dadurch mit Haufen
 der Heiden Füll zu allen Toren ein!
 Ja wecke dein Volk Israel bald auf,
 und also segne deines Wortes Lauf!   
7) Lass jede hoh und niedre Schule
 die Werkstatt deines guten Geistes sein,
 ja sitze du nur auf dem Stuhle
 und präge dich der Jugend selber ein,
 dass treuer Lehrer viel und Beter sein,
 die für die ganze Kirche flehn und schrein!
8) Du wirst dein herrlich Werk vollenden,
 der du der Welten Heil und Richter bist;
 du wirst der Menschheit Jammer wenden,
 so dunkel jetzt dein Weg, o Heilger, ist.
 Drum hört der Glaub nie auf, zu dir zu flehn;
 du tust doch über Bitten und Verstehn.  Karl Heinrich von Bogatzky 1750
 
Liebe Leserin, lieber Leser,
in der ersten Zeile dieses Liedes wird Bezug genommen auf die ersten Christinnen und Christen vor etwa zweitausend Jahren: „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen ...“, bei denen der Geist Gottes in kräftiger Wirkung und unverfälschter Weise vermutet wird. Von da wird ein Bogen in die Gegenwart gespannt, in der Hoffnung, der Geist Gottes möge ebenso kräftig und unverfälscht wirksam sein wie damals.
Aber wie war das mit den ersten Zeugen? In der Apostelgeschichte ist überliefert (Kapitel 2, Verse 44 u. 45): „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus, je nach dem es einer nötig hatte.“ „Urkommunismus“ wurde das gelegentlich genannt, eine angeblich herrliche Zeit, der nachzueifern sich gerade heute nahelege. Doch: Vorsicht! Dieselbe Apostelgeschichte berichtet in Kapitel 5 auch, dass dieses Modell nicht funktioniert hat. In der Geschichte des Ehepaares Hannanias und Saphira verkaufen die Eheleute einen Acker und bringen den Erlös zu den Aposteln, behalten aber einen Teil des Geldes für sich selbst, ohne dies den Aposteln mitzuteilen. Petrus fragt Hannanias: Warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den heiligen Geist belogen und etwas vom Geld  für den Acker zurück behalten hast? Du hättest den Acker behalten können und hättest den Erlös auch nicht spenden müssen. Aber du hättest ehrlich sein sollen und nicht so tun sollen, als hättest du alles für die Gemeinde und für Gott gespendet. Letztlich hast du Gott betrogen. Diese Geschichte endet mit den Worten: Als Hannanias diese Worte hörte, fiel er zu Boden und gab den Geist auf.
Also auch in der Urgemeinde menschelte es sehr, und wir sind gut beraten, diese Zeit nicht als Sehnsuchtsort für uns Christen zu stilisieren.
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen ...“. auch und gerade unter den fehlerhaften ersten Zeugen, auch und gerade unter uns fehlerhaften Zeuginnen und Zeugen in unserer Zeit. Dazu geben die weiteren Verse dieses Liedes Hinweise:
Vers 2: Ach Herr, gib doch in deine Ernte viel Knechte, die in treuer Arbeit stehn.
O Herr der Ernte, siehe doch darein: die Ernt ist groß, die Zahl der Knechte klein.
Heute ist die Zahl der bezahlten „Knechte“ und „Mägde“ in unseren Kirchen gegenüber früher zahlenmäßig geringer geworden. Woran liegt das? Ist die Arbeit für Gott nicht mehr so attraktiv? An der Bezahlung kann es nicht liegen. Unsere zahlreichen kirchlichen Strukturreformen haben diesen Trend nicht aufgehalten. Ich bin auch ein wenig ratlos, was die Gründe angeht. Umso wichtiger ist die Liedzeile: Ach Herr, gib doch in deine Ernte viel Knechte, die in treuer Arbeit stehn.
Vers 7: Lass jede hoh und niedre Schule die Werkstatt deines guten Geistes sein. Das ist doch mal ein interessanter Gedanke: Unsere Schulen als Orte organisierten Lernens eine Werkstatt des Geistes Gottes. Deswegen müssen Schulen nicht in kirchlicher Trägerschaft sein wie vor Jahrhunderten, aber sie könnten Werkstätten sein, wo Kinder gefördert und gefordert werden, wertgeschätzt werden, wo man einander annimmt und einander Fehler vergibt. Ich bin sicher, solche Werkstätten gibt es bereits. Sie sollten ausgebaut werden.
Vers 8: Du wirst dein herrlich Werk vollenden, der du der Welten Heil und Richter bist. Das ist unsere Hoffnung als Christinnen und Christen, dass Gott auch am Ende aller Zeiten steht, dass er das zu Ende führen wird, was wir an Gutem begonnen haben, auch das zum Guten führen wird, was uns misslungen ist. Wann das sein wird und wie das sein wird, wissen wir nicht. Doch wir glauben, dass er uns, seine Welt und seine Kirche nicht im Stich lassen wird.
 
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.
Wilhelm Niedernolte, Eldagsen
Superintendent i. R.

Andacht für Springe für die Woche nach dem 5. Sonntag nach Trinitatis, 17. Juli 2022

Evangelisches Gesangbuch Nr, 241 Wach auf, du Geist der ersten Zeugen

1) Wach auf, du Geist der ersten Zeugen, die auf der Mau'r als treue Wächter stehn,
die Tag und Nächte nimmer schweigen und die getrost dem Feind entgegengehn,
ja deren Schall die ganze Welt durchdringt und aller Völker Scharen zu dir bringt.

2) O dass dein Feuer bald entbrennte, o möcht es doch in alle Lande gehn!
Ach Herr, gib doch in deine Ernte viel Knechte, die in treuer Arbeit stehn.
O Herr der Ernte, siehe doch darein: die Ernt ist groß, die Zahl der Knechte klein.

3) Dein Sohn hat ja mit klaren Worten uns diese Bitt in unsern Mund gelegt.
O siehe, wie an allen Orten sich deiner Kinder Herz und Sinn bewegt,
dich herzinbrünstig hierum anzuflehn; drum hör, o Herr, und sprich: "Es soll geschehn."

4) So gib dein Wort mit großen Scharen, die in der Kraft Evangelisten sein;
lass eilend Hilf uns widerfahren und brich in Satans Reich mit Macht hinein.
O breite, Herr, auf weitem Erdenkreis dein Reich bald aus zu deines Namens Preis!

5) Ach dass die Hilf aus Zion käme!
O dass dein Geist, so wie dein Wort verspricht, dein Volk aus dem Gefängnis nähme!
O würd es doch nur bald vor Abend licht!
Ach reiß, o Herr, den Himmel bald entzwei und komm herab zur Hilf und mach uns frei!

6) Ach lass dein Wort recht schnelle laufen, es sei kein Ort ohn dessen Glanz und Schein.
Ach führe bald dadurch mit Haufen der Heiden Füll zu allen Toren ein!
Ja wecke dein Volk Israel bald auf, und also segne deines Wortes Lauf!

7) Lass jede hoh und niedre Schule die Werkstatt deines guten Geistes sein,
ja sitze du nur auf dem Stuhle und präge dich der Jugend selber ein,
dass treuer Lehrer viel und Beter sein, die für die ganze Kirche flehn und schrein!

8) Du wirst dein herrlich Werk vollenden, der du der Welten Heil und Richter bist;
du wirst der Menschheit Jammer wenden, so dunkel jetzt dein Weg, o Heilger, ist.
Drum hört der Glaub nie auf, zu dir zu flehn; du tust doch über Bitten und Verstehn.
 
Karl Heinrich von Bogatzky 1750


Liebe Leserin, lieber Leser,
in der ersten Zeile dieses Liedes wird Bezug genommen auf die ersten Christinnen und Christen vor
etwa zweitausend Jahren: 
„Wach auf, du Geist der ersten Zeugen ...“
, bei denen der Geist Gottes in 
kräftiger Wirkung und unverfälschter Weise vermutet wird. Von da wird ein Bogen in die 
Gegenwart gespannt, in der Hoffnung, der Geist Gottes möge ebenso kräftig und unverfälscht 
wirksam sein wie damals.
Aber wie war das mit den ersten Zeugen? In der Apostelgeschichte ist überliefert (Kapitel 2, Verse 
44 u. 45): 
„Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge 
gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus, je nach dem es einer nötig hatte.“
 
„Urkommunismus“ wurde das gelegentlich genannt, eine angeblich herrliche Zeit, der nachzueifern 
sich gerade heute nahelege. Doch: Vorsicht! Dieselbe Apostelgeschichte berichtet in Kapitel 5 auch,
dass dieses Modell nicht funktioniert hat. In der Geschichte des Ehepaares Hannanias und Saphira 
verkaufen die Eheleute einen Acker und bringen den Erlös zu den Aposteln, behalten aber einen Teil
des Geldes für sich selbst, ohne dies den Aposteln mitzuteilen. Petrus fragt Hannanias: 
Warum hat 
der Satan dein Herz erfüllt, dass du den heiligen Geist belogen und etwas vom Geld  für den Acker 
zurück behalten hast? Du hättest den Acker behalten können und hättest den Erlös auch nicht 
spenden müssen. Aber du hättest ehrlich sein sollen und nicht so tun sollen, als hättest du alles für 
die Gemeinde und für Gott gespendet. Letztlich hast du Gott betrogen
. Diese Geschichte endet mit 
den Worten: 
Als Hannanias diese Worte hörte, fiel er zu Boden und gab den Geist auf.
Also auch in der Urgemeinde menschelte es sehr, und wir sind gut beraten, diese Zeit nicht als 
Sehnsuchtsort für uns Christen zu stilisieren.
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen
 ...“. auch und gerade unter den fehlerhaften ersten Zeugen, 
auch und gerade unter uns fehlerhaften Zeuginnen und Zeugen in unserer Zeit. Dazu geben die 
weiteren Verse dieses Liedes Hinweise:
Vers 2: A
ch Herr, gib doch in deine Ernte viel Knechte, die in treuer Arbeit stehn.
O Herr der Ernte, siehe doch darein: die Ernt ist groß, die Zahl der Knechte klein.
Heute ist die Zahl der bezahlten „Knechte“ und „Mägde“ in unseren Kirchen gegenüber früher 
zahlenmäßig geringer geworden. Woran liegt das? Ist die Arbeit für Gott nicht mehr so attraktiv? An
der Bezahlung kann es nicht liegen. Unsere zahlreichen kirchlichen Strukturreformen haben diesen 
Trend nicht aufgehalten. Ich bin auch ein wenig ratlos, was die Gründe angeht. Umso wichtiger ist 
die Liedzeile: 
Ach Herr, gib doch in deine Ernte viel Knechte, die in treuer Arbeit stehn.
Vers 7: 
Lass jede hoh und niedre Schule die Werkstatt deines guten Geistes sein
. Das ist doch mal 
ein interessanter Gedanke: Unsere Schulen als Orte organisierten Lernens eine Werkstatt des 
Geistes Gottes. Deswegen müssen Schulen nicht in kirchlicher Trägerschaft sein wie vor 
Jahrhunderten, aber sie könnten Werkstätten sein, wo Kinder gefördert und gefordert werden, 
wertgeschätzt werden, wo man einander annimmt und einander Fehler vergibt. Ich bin sicher, solche
Werkstätten gibt es bereits. Sie sollten ausgebaut werden.
Vers 8: 
Du wirst dein herrlich Werk vollenden, der du der Welten Heil und Richter bist.
 Das ist 
unsere Hoffnung als Christinnen und Christen, dass Gott auch am Ende aller Zeiten steht, dass er 
das zu Ende führen wird, was wir an Gutem begonnen haben, auch das zum Guten führen wird, was
uns misslungen ist. Wann das sein wird und wie das sein wird, wissen wir nicht. Doch wir glauben, 
dass er uns, seine Welt und seine Kirche nicht im Stich lassen wird.
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.
Wilhelm Niedernolte, Eldagsen
Superintendent i. R.

Andacht für die Woche vom 10. bis 16. Juli 2022 zum Wochenlied "Komm in unsere stolze Welt" (EG 428) von Pfr.i.R. Jürgen-Peter Lesch

Liebe Leserin, lieber Leser,

in diesen Tagen bekommen Schilderungen aus der Zeit unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs eine neue und erschreckend aktuelle Bedeutung. So geht es mir mit einem Buch von Hans Graf von Lehndorff, dem Dichter des Wochenliedes „Komm in unsre stolze Welt“. Der Titel des Buches lautet „Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945-1947“. Den Text hatte Lehndorff bereits im Jahr 1947 niedergeschrieben „teils nach herübergeretteten Tagebuchaufzeichnungen, teils aus der noch überwachen Erinnerung“. Veröffentlicht wurde das Buch aber erst im Jahr 1961, als aus „dem Geschehen der damaligen Zeit Geschichte geworden“ war, so schreibt Lehndorff in seinem Vorwort.

Hans Graf von Lehndorff leitete Anfang 1945 ein Lazarett in Königsberg. Er erlebte die Einnahme der Stadt durch die Truppen der Sowjetunion. Am 9. April 1945 schreibt er in sein Tagebuch: „Was ist das eigentlich, so fragte ich mich, was wir hier erleben? Hat das noch etwas mit natürlicher Wildheit zu tun oder mit Rache? Mit Rache vielleicht, aber in einem anderen Sinn. Rächt sich hier nicht in einer und derselben Person das Geschöpf am Menschen, das Fleisch am Geist, den man ihm aufgezwungen hat? … Das hat nichts mit Rußland zu tun, nichts mit einem bestimmten Volk oder einer Rasse - das ist der Mensch ohne Gott, die Fratze des Menschen.“

Es ist für mich erschreckend und im Grunde unbegreiflich, dass sich ein Krieg, der solch unmenschliches Handeln hervorbringt, jetzt keine zwei Tagesreisen von uns entfernt stattfindet. Da ist es tröstlich und mutmachend, dass Lehndorff zwar zweifelt und zeitweise nicht mehr beten kann, aber im Chaos der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht endgültig verzweifelt. Das wird auf der letzten Seite des Ostpreußischen Tagebuchs deutlich. Dort schreibt er:

„Aber dann geschah es, daß ein Mensch, dem ich berichtete, mitten im Strom meines Erzählens ein Stück Brot aus der Tasche nahm, es durchbrach und mir eine Hälfte davon reichte – eine Geste, wie sie in jenen Tagen des Mangels üblich war. Da wußte ich: Nun gilt es, die ersten Schritte zu tun auf dem Weg, den ein neues Dasein anbietet. Und ich stand vor der Frage. Wie wird dies neue Dasein aussehen und wer wird darüber bestimmen?“

„Wie wird dies neue Dasein aussehen?“ – ich denke, diese Frage steht auch bei dem Text im Hintergrund, den Lehndorff im Advent 1967 unter dem Titel „Adventsgedicht“ verfasst hat. Dieses Gedicht ist eine eindringliche Bitte um Gottes Kommen durch Christus in die durch Menschen rücksichtslos beherrschte und verhärtete Welt.

1. Komm in unsre stolze Welt,/ Herr, mit deiner Liebe Werben./ 
 Überwinde Macht und Geld,/ lass die Völker nicht verderben./ 
 Wende Hass und Feindessinn/ auf den Weg des Friedens hin. 
2. Komm in unser reiches Land,/ der du Arme liebst und Schwache,/ 
 dass von Geiz und Unverstand/ unser Menschenherz erwache./ 
 Schaff aus unserm Überfluss/ Rettung dem, der hungern muss. 
3. Komm in unsre laute Stadt,/ Herr, mit deines Schweigens Mitte,/ 
 dass, wer keinen Mut mehr hat,/ sich von dir die Kraft erbitte/ 
 für den Weg durch Lärm und Streit/ hin zu deiner Ewigkeit. 
4. Komm in unser festes Haus,/ der du nackt und ungeborgen./ 
 Mach ein leichtes Zelt daraus,/ das uns deckt kaum bis zum Morgen;/ 
 denn wer sicher wohnt, vergisst,/ dass er auf dem Weg noch ist. 
5. Komm in unser dunkles Herz,/ Herr, mit deines Lichtes Fülle;/ 
 dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz/ deine Wahrheit uns verhülle,/ 
 die auch noch in tiefer Nacht/ Menschenleben herrlich macht. 

In den fünf Strophen kommen die Bitten uns immer näher. Es geht um uns, unsere Welt, unser Land, unsere Stadt unser Haus und schließlich unser Herz. Jesus soll uns immer näher kommen. Mit diesem Lied sind wir hineingestellt in unsere Verantwortung, die mehr umfasst, als uns lieb ist. Es geht um uns selbst, um die nächste Umgebung, die Stadt, das Land, die Welt. 

Das Lied schildert die Umstände, unter denen wir leben, die wir uns selbst geschaffen haben und unter denen wir leiden. Jede Strophe endet mit einer Bitte, dies grundlegend und nachhaltig zu ändern. 

Die erste Strophe beschreibt die Weltsituation, wie sie Lehndorff im Zweiten Weltkrieg und danach erlebt hat. Aber das ist nicht nur ein Rückblick. Lehndorff schreibt zur Zeit des Vietnam-Krieges. Und er schreibt die Strophe sozusagen vorausschauend auf unsere Gegenwart. Er beschreibt eine Welt, die machtbesessen und kriegerisch auftrumpft und dabei durch ein Freund-Feind-Denken Menschen und Völker ins Verderben stürzt. Die Strophe endet mit einem Zitat aus dem Benedictus. Dort heißt es: „und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ (Lk 1,79).
Unmittelbar damit im Zusammenhang steht die zweite Strophe. Heute macht uns der Krieg in der Ukraine deutlich, dass unser Gesellschaftssystem die Armen immer ärmer macht und die Schwachen zur Seite drängt. Wir erkennen, dass wir uns dazu haben bringen lassen, nicht genug nachzudenken über Armut und Überfluss, über die Verantwortung füreinander. 
Und daran schließt die dritte Strophe an. Es geht darum , dass wir auf die lauten Parolen hören und die leisen, die vorsichtigen, die nachdenklichen Menschen schnell überhören. Dass die, die am lautesten Tönen, oft Recht bekommen. Dagegen steht die Bitte um die Kraft Gottes, die in den Leisen und Schwachen mächtig wird. 

Doch was spricht gegen das „feste Haus“ in der vierten Strophe? Es mag zynisch klingen, doch immer wieder erleben wir, dass feste Häuser nicht felsenfest sind. Das mussten viele Menschen im letzten Jahr im Rheinland schmerzvoll erfahren. Sie leiden noch heute unter den Zerstörungen durch Wassermassen. Und selbst dann, wenn die materiellen Schäden mehr oder minder repariert worden sind, werden die Menschen Schrecken, Ängste und Trauer nicht ganz vergessen können. Wir suchen einen sicheren Ort, eine Heimat, ein Zuhause. Wir wollen uns einrichten, es uns wohnlich machen. Das sind verständliche Wünsche. Doch dabei besteht die Gefahr, dass wir die Mauern zu hoch aufrichten und die Grenzen zu dicht machen, um über sie hinwegzuschauen. Die Verbindung nach außen, zu anderen Menschen, in andere Regionen und andere Länder kann dabei abbrechen. Gerade jetzt erkennen wir, dass wir uns zu sehr auf uns, auf unser Land, konzentriert haben. Dabei haben wir aus dem Blick verloren, dass wir nur gemeinsam mit anderen Menschen und Völkern die großen Fragen und Probleme unserer Zeit angehen können. Dazu brauchen wir die Freiheit der Kinder Gottes, die die Grenzen ihrer Kraft und Möglichkeiten kennen. In dieser Freiheit aber können wir im offenen Raum und auf unsicheren Wegen auf Gottes Schutz und Schirm vertrauen.

In der letzten Strophe wird darum gebeten, dass ein helles Licht in uns, in unsere Herzen dringt. In unsere Herzen, die sich verfinstert haben durch Angst und durch Sorgen um uns selbst und um die, die wir lieben. Herzen, die dunkel geworden sind durch schreckliche Erfahrungen, durch eigenes und fremdes Leid. Dass dort hinein Licht dringen soll, dass es in den Herzen wieder hell werden soll, ist leicht gesagt. Doch gerade hier gilt das, was Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt:

„Gott hat einst gesagt: ‚Aus der Dunkelheit soll ein Licht aufleuchten!‘ Genauso hat er es in unseren Herzen hell werden lassen. Durch uns sollte das Licht der Erkenntnis aufleuchten: Die Herrlichkeit Gottes sollte sichtbar werden, die uns in Jesus Christus begegnet“ (2. Kor 4,6).

Mich bewegt dieses Lied von Hans Graf von Lehndorff, weil es von einem tiefen Glauben und Vertrauen zeugt. Diese Worte schreibt ein Mensch, der viel von dem Schrecklichen, Grausamen und Unmenschlichen gesehen hat, das der Krieg anrichtet. Er klagt nicht Gott dafür an, sondern sieht die Schuld, die Menschen auf sich geladen haben. Und er wendet sich Gott zu in dem Vertrauen, dass Menschen durch ihren Glauben an Gottes Güte aus ihren Fehlern lernen und sich ändern können. Das ist ein langer und schwieriger Weg. Am Ende bleibt daher die Bitte, die wir ganz am Ende der Bibel lesen: „Amen, komm, Herr Jesus!“
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Hans Graf von Lehndorff (1910 bis 1987) stammte aus eine preußischen Adelsfamilie. Nach einem Jurastudium in Genf und Paris und einem Medizinstudium in München war Lehndorff als Arzt in Berlin, Insterburg und in einem Lazarett in Königsberg tätig. Von 1945 bis 1947 arbeitete er unter den oft chaotischen Umständen der Nachkriegszeit in unterschiedlichen Orten Ost- und Westpreußens. Im Jahr 1947 durfte er dann nach Deutschland ausreisen. 

Von da an lebte Lehndorff in Bad Godesberg. Er unterhielt dort eine Privatklinik und eine Arztpraxis. Dabei betätigte er sich auch in der diakonischen Arbeit, der Gefangenenseelsorge und der Fürsorge für Drogenabhängige. Im Jahr 1969 erschien ein zweites Buch von ihm: „Die Insterburger Jahre. Mein Weg zur Bekennenden Kirche“. Er schildert seine Begegnung mit Menschen dieser Bewegung in den Kriegsjahren 1941 bis 1944 in Insterburg. Er berichtet von der Arbeit der Mitglieder in der Gemeinde, den praktischen Hilfen, den abendlichen Veranstaltungen, auch von den Schwierigkeiten mit der „amtlichen Kirche“, die sich den staatlichen Machtverhältnissen zumeist anpasste. Das Wirken in dieser Gemeinde ließ ihn erkennen, dass „Kirche auch noch etwas ganz anderes sein kann, nämlich eine Herausforderung Gottes an den Menschen, und dass diese Herausforderung in Kämpfen, Anfechtungen und Widersetzlichkeiten ihren Niederschlag finden kann.“

Die Melodie im Gesangbuch schuf im Jahr 1982 Manfred Schlenker (*1926). Er war Domkantor in Stendal und Landeskirchenmusikdirektor in Greifswald. Für vier weitere Lieder im Evangelischen Gesangbuch hat er Melodien komponiert. Der ungewohnte, etwas spröde und herbe Charakter der Melodie passt gut zum Text. 

Online-Andacht über das Wochenlied für die Woche nach dem 3. Sonntag nach Trinitatis 2022

 1. Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe.
 Ich lobe meinen Gott, der mir die Fesseln löst, damit ich frei bin.

2. Ich lobe meinen Gott, der mir den neuen Weg weist, damit ich handle.
 Ich lobe meinen Gott, der mir mein Schweigen bricht, damit ich rede.

3. Ich lobe meinen Gott, der meine Tränen trocknet, dass ich lache. 
 Ich lobe meinen Gott, der meine Angst vertreibt, damit ich atme.

Refrain:
Ehre sei Gott auf der Erde in allen Straßen und Häusern,
die Menschen werden singen bis das Lied zum Himmel steigt:
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
Ehre sei Gott und den Menschen Frieden,
 Frieden auf Erden! 


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses Lied wurde 1979 von Hans Jürgen Netz geschrieben und von Christoph Lehmann vertont. In dieser Zeit gab es viele neue Lieder, die Anklänge aus der Pop-musik mit religiösen Inhalten verbunden haben. Sie entstanden oft für Kirchentage, und viele, die dort begeistert zugehört und mitgesungen hatten,  wollten diese Stimmung auch in ihre Heimatgemeinden weitertragen.

Der Refrain ist eine Anspielung auf den Text des Gloria, „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Diese Botschaft stammt aus dem Weihnachtsevangelium. Die Engel sagen sie den Hirten in der Nacht, in der Jesus geboren wird. 

Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte die Friedensbewegung in Deutschland großen Zulauf. Grund war die beabsichtigte Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa. Ein damaliger Deutscher Evangelischer Kirchentag bot der Friedensbewegung Raum. Da kam dieses Lied gerade recht: Ehre sei Gott und den Menschen Frieden, Frieden auf Erden“. Hier und jetzt. Darum: Keine Mittelstreckenraketen.

Hans Jürgen Netz hat die Worte der Weihnachtsbotschaft aufgegriffen und zugleich entscheidend verändert. Ihm geht es nicht um den Himmel, sondern um die Erde. Hier bei uns Menschen soll Gott die Ehre gegeben werden. Und das nicht nur im Gottesdienst, sondern auf der Straße, in den Häusern, da wo Menschen zusammen kommen und miteinander leben. „Mach’s wie Gott– werde Mensch“ war in den 70er Jahren ein geflügeltes Wort, als Netz sein Lied geschrieben hat. Christen soll man an ihrer Menschlichkeit erkennen, an ihrer Lebensfreude, an ihrem Einsatz für eine gerechtere und friedlichere Welt – so war das Selbstverständnis von vielen kirchlich engagierten Jugendlichen. Sie wollten  die  Kirche verändern, auch die die Gottesdienste, die sie in ihrer traditionellen Form und Liedern oft nicht mehr ansprachen. 

Aber nicht alle waren von den neuen geistlichen Liedern und den jugendbewegten Gottesdiensten begeistert. Gott loben mit Sacro-Pop und Schlagzeug  - das hat auch Widerstand hervorgerufen, und in vielen Gemeinden wurde gestritten, ob man solche Lieder im Gottesdienst singen darf.

Die Jugendlichen von damals haben längst graue Haare. Manche von ihnen haben entdeckt, dass die alten Kirchenlieder auch schön sind, und dass Gottesdienste, die zur inneren Sammlung und zur Andacht einladen, wertvoll sein können. Aber die Botschaft des heutigen Liedes bleibt aktuell: Gott zu loben und ihm die Ehre zu geben, darf nicht auf den Gottesdienst begrenzt bleiben. Es muss sich auf den Straßen und Plätzen zeigen, im gelebten Leben. „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch“

Beides gehört zusammen: Gott die Ehre geben und Frieden schaffen – mit und ohne Waffen – in der Ukraine und überall.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.

Wilhelm Niedernolte, Sup. i.R. 

Andacht für die Woche vom 26. Juni bis 02. Juli 2022 zum Wochenlied EG 225 "Komm, sag es allen weiter" - Sup.i.R. Christian Klatt

Für den 2. Sonntag nach Trinitatis sind, angeregt durch das Sonntagsevangelium vom großen Abendmahl, zwei Abendmahlslieder als Wochenlieder vorgesehen. Das eine, „Kommt her, ihr seid geladen“, wird heute nur noch selten gesungen. Das andere aber, „Komm, sag es allen weiter“, ist durch die Gospelbewegung in unserer Kirche rasch bekannt geworden und erfreut sich großer Beliebtheit. Die schwungvolle Melodie stammt nämlich von einem Spiritual, das ursprünglich mit dem Text eines Weihnachtsliedes gesungen wurde: „Go, tell it on the mountain … that Jesus Christ is born.“ 
 
Der Pfarrer Friedrich Walz (damals in Nürnberg) dichtete 1964 im Rahmen eines Lieder-Wettbewerbs einen neuen Text zu dieser Melodie. Er beginnt, wie beim Spiritual, mit einem Kehrvers, einem Refrain, der dann nach jeder Strophe wiederholt wird:
„Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein!
Komm sag es allen weiter: Gott selber lädt uns ein.“ 
 
Was hier schon anklingt, wird in Strophe 1 deutlich herausgestellt: Gottes Einladung gilt allen Menschen:
„Sein Haus hat offne Türen, er ruft uns in Geduld, 
will alle zu sich führen, auch die mit Not und Schuld.“
Auch die mit Not und Schuld! Gott sucht nicht einen elitären Kreis frommer Leute. Nein, jeder und jede ist bei ihm willkommen. Auch die, die vom Schicksal geschlagen sind oder mit sich selber nicht mehr zurechtkommen. Bei ihm finden wir offene Türen, allezeit und immer wieder!  
 
Die 2. und die 3. Strophe verdeutlichen das dann mit der Einladung zum Abendmahl:
„Wir haben sein Versprechen: Er nimmt sich für uns Zeit,
wird selbst das Brot uns brechen, kommt, alles ist bereit.“
Der Liederdichter nimmt sehr schön die gottesdienstliche Einladungsformel zum Abendmahl auf: „Kommt, denn es ist alles bereit! Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.“ Er, unser Herr, ist der Gastgeber, der mit seinen Gaben den Hunger unserer Seele stillt. Und dieser Vorgang wird in feiner Weise seelsorgerlich gedeutet: „Er nimmt sich für uns Zeit.“ Darauf warten wir oft: dass jemand Zeit für uns hat, sich für uns interessiert, an unserem Schicksal Anteil nimmt. Diese Sehnsucht, diese Hoffnung geht bei Gott nicht ins Leere.
 
Die 3. Strophe verstärkt diese Zusage noch einmal:
„Zu jedem will er kommen, der Herr in Brot und Wein.
Und wer ihn aufgenommen, wird selber Bote sein.“
Das Abendmahl ist also nicht bloß ein traditionelles Element christlicher Gottesdienste, sondern eine Feier der Gottesbegegnung. Wenn uns die Gaben von Brot und Wein gereicht werden, dann ist das eine Zusage, die uns ganz persönlich gilt: Auch zu dir will der Herr kommen, auch dich will er stärken und trösten und ermutigen. Und durch diese Gottesbegegnung werden wir, so legt es uns die letzte Zeile des Liedes ans Herz, selber zu Boten seiner Liebe und seines Friedens.
 
Wegen der immer noch andauernden Corona-Pandemie wird wohl längst nicht in allen Gemeinden am Sonntag das Abendmahl gefeiert werden. Aber Gottes Einladung gilt, und niemand ist davon ausgeschlossen: „Er ruft uns in Geduld. Er nimmt sich für uns Zeit. Zu jedem will er kommen.“
 
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit unter Gottes Schutz und Segen!
Ihr Christian Klatt    

Andacht für die Woche vom 12. bis 18. Juni 2022 zum Wochenlied "Gelobet sei der Herr" (EG 139) von Pfr.i.R. Jürgen-Peter Lesch

Liebe Leserin, lieber Leser,
am Sonntag, d. 12. Juni, feiern wir das weniger bekannte „Fest der Heiligen Dreieinigkeit“, auch „Trinitatis“ genannt. Der genaue Ursprung dieses Festes ist noch nicht erforscht. Erst im 10. Jahrhundert taucht eine besondere „Messe für die Trinität“ auf, die an unterschiedlichen Tagen im Kirchenjahr gefeiert wird. Schließlich wird im Jahr 1334 diese Messe von Papst Johannes XXII. auf einen bestimmten Tag festgesetzt. Sie wird nun eine Woche nach dem Pfingstsonntag gefeiert. Die Reformation hat dieses Trinitatisfest nicht nur übernommen, sondern nummeriert überdies die folgenden Sonntage durch, sodass je nach Termin des Osterfestes bis zu 27 „Sonntage nach Trinitatis“ gezählt werden. 


Das Trinitatisfest ist nicht so gut zu verstehen wie die drei christlichen Hauptfeste Weihnachten, Passion/Ostern und Pfingsten. An diesen drei Festen erinnern wir uns an Geschehnisse aus der Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen. Trinitatis aber ist ein sogenanntes „Ideenfest“. Es knüpft nicht an die Heilsgeschichte an, sondern stellt ein Thema des christlichen Glaubens in den Mittelpunkt. 

Das Wochenlied „Gelobet sei der Herr“ von Johann Olearius (1611 bis 1684) ist nun eine gute Hilfe, um dieses Fest etwas besser verstehen zu können. Das Lied ist in den Jahren 1665 und 1671 entstanden. In ihm werden in den ersten drei Strophen mit prägnanten biblischen und traditionellen Aussagen die drei Personen, in denen Gott den Menschen begegnet, lobpreisend umschrieben. Sie lassen sich den großen Festen der Christenheit zuordnen: Weihnachten ist das Fest Gottes, des Vaters, Passion/Ostern ist das Fest Gottes, des Sohnes, und Pfingsten das Fest Gottes, des Heiligen Geistes.

In der ersten Strophe steht Gott, der Vater, im Mittelpunkt des Lobes.

Gelobet sei der Herr,
mein Gott, mein Licht, mein Leben,
mein Schöpfer, der mir hat
mein’ Leib und Seel gegeben,
mein Vater, der mich schützt
von Mutterleibe an,
der alle Augenblick
viel Guts an mir getan.

Die Strophe beginnt wie die beiden folgenden mit „Gelobet sei der Herr“. Dieser Lobpreis zieht sich durch die gesamte Bibel, von „Gelobet sei der Herr, der Gott Sems“ (1. Mose 9,26) bis zum Benedictus des Zacharias (Lk 1,68). Gott ist und bringt Licht und Leben für jede und jeden Einzelnen. Er ist der Schöpfer, der jedem Menschen Leib und Seele gegeben hat. Diese Worte erinnern an das apostolische Glaubensbekenntnis. Doch ist hier die Reihenfolge anders. Am Anfang steht der Schöpfer, erst danach wird Gott „Vater“ genannt. Olearius bringt den Gedanken an Gott als Vater zusammen mit dem Schutz „vom Mutterleibe an“. Das erinnert an die Worte „der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut und noch jetzund getan“ aus dem Lied „Nun danket alle Gott“ von Martin Rinckart. Dieser Dank, der während und nach den Gräueln des Dreißigjährigen Krieges formuliert wird, macht mich nachdenklich und beschämt mich zugleich. Wie groß sind das Gottvertrauen und die Zuversicht von Männern wie Olearius und Rinckart gewesen, wenn sie so deutlich ihren Dank und ihr Lob unter bedrückenden und schrecklichen Lebensumständen formulieren konnten.
In der zweiten Strophe richtet sich der Lobpreis an Gottes „liebsten“ Sohn:


Gelobet sei der Herr,
mein Gott, mein Heil, mein Leben,
des Vaters liebster Sohn,
der sich für mich gegeben,
der mich erlöset hat
mit seinem teuren Blut,
der mir im Glauben schenkt
das allerhöchste Gut.

War der Vater das Licht, so ist der Sohn das Heil oder – wie es Luther formuliert – der Heiland. Olearius erinnert hier daran, was wir bei aller Osterfreude über die Auferstehung von Jesus oft vergessen. Dass Jesus für uns am Kreuz hingerichtet worden ist, damit wir frei werden für ein Leben, in dem wir uns anderen zuwenden, in dem wir versuchen können, durch Töne, Bilder, Worte die Wirklichkeit aussehender zu machen als Verlockung zum Lebenbleiben. Das alles ist begründet im Glauben. Der Sohn vermittelt uns Gott als den Allerhöchsten, wie er in Psalmen und Liedern oft genannt wird.
In der dritten Strophe wendet sich Olearius dem „werten“ Heiligen Geist zu:


Gelobet sei der Herr,
mein Gott, mein Trost, mein Leben,
des Vaters werter Geist,
den mir der Sohn gegeben,
der mir mein Herz erquickt,
der mir gibt neue Kraft,
der mir in aller Not
Rat, Trost und Hilfe schafft.

Hier wird der Heilige Geist wie in den meisten Pfingstliedern und auch im Johannes-Evangelium (Joh 14,26) ein „Tröster“ genannt. Für Olearius ist er „mein Trost“, der in allen Notsituationen Rat und Hilfe und eben - Trost schafft. Alle diese Bezeichnungen sind Übersetzungen des griechischen Wortes „Paraklet“, das im Johannes-Evangelium steht. Der Geist gibt neue Kraft und erquickt „mein Herz“. Auch hier strahlt der Text von Olearius nicht nur Zuversicht und Hoffnung aus, sondern auch den Dank für die Stärkung, die Hilfe und den Trost in schweren Zeiten.

In der vierten und der fünften Strophe wechselt die Perspektive. In den ersten drei Strophen geht es um die persönliche Beziehung zwischen dem Sänger und dem dreieinigen Gott, um die Bedeutung des persönlichen Heils, was sich im wiederholten „mein“, „mich“ und „mir“ ausdrückt. Nun heißt es:

Gelobet sei der Herr,
mein Gott, der ewig lebet,
den alles lobet, was
in allen Lüften schwebet;
gelobet sei der Herr,
des Name heilig heißt,
Gott Vater, Gott der Sohn
und Gott der werte Geist,

Zunächst fasst Olearius die vorangehenden Strophen zusammen. Zugleich steigert er den Lobpreis räumlich und zeitlich. Räumlich, wenn er von „Allem“ spricht, was in „allen Lüften schwebt“ und Gott lobt. Zeitlich, wenn er davon spricht, dass Gott ewig und sein Name heilig ist. Das „ewig“ und „heilig“ wird noch einmal in der fünften Strophe aufgenommen. Hier steht das Heilige am Anfang und das Ewige am Ende des Lobes. 

dem wir das Heilig jetzt
mit Freuden lassen klingen
und mit der Engelschar
das Heilig, Heilig singen,
den herzlich lobt und preist
die ganze Christenheit:
Gelobet sei mein Gott
in alle Ewigkeit!

Gemeinsam mit den Engeln lobt und preist nun nicht mehr wie anfangs das „Ich“, sondern „die ganze Christenheit“ Gott. Das Lied endet mit den Worten, mit denen die ersten vier Strophen beginnen: „Gelobt sei mein Gott“ – „in alle Ewigkeit“. Wobei sich „Ewigkeit“ sowohl auf des Lob wie auf Gott beziehen kann. Himmel und Erde, Mensch und Engel vereinen sich zu einem gemeinsamen großen und ewigen Jubel. Zum persönlichen Heil kommt das Heil für die ganze Welt.

Als Johann Olearius diesen großen Lobpreis schrieb, lag der Dreißigjährige Krieg etwa zwei Jahrzehnte zurück. Die Folgen des Krieges waren noch lange nicht überstanden, die Wunden noch lange nicht verheilt. Und immer wieder zog die Pest durch das Land und forderte ihre Opfer. Ich frage mich, wie es möglich ist, dass ein Mensch mit all diesen Erfahrungen, bei all diesen Schrecken und Grausamkeiten ein solches Loblied auf den dreieinigen Gott verfassen kann. Aus seinen Worten sprechen ein tiefes Gottvertrauen und eine große Zuversicht. Zuversicht und Gottvertrauen - beides erbitte und erhoffe ich mir für mich selbst und für uns alle.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Trinitatisfest!

Jürgen-Peter Lesch
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Johannes Olearius hat sein Loblied auf den dreieinigen Gott überschrieben mit den Worten: „Die Ermunterung aus dem Evangelio zur dankbaren Betrachtung dieses hohen Geheimnisses“. Als Melodie wählte er die des Liedes „Nun danket alle Gott“. Sie stammt wie der Text dieses Liedes von Martin Rinckart (1586 bis 1649), Kantor und Pfarrer in Eisleben und später in seiner Vaterstadt Eilenburg. Die ursprüngliche Melodie wurde wohl schon um 1630 komponiert. Im Jahr 1647 wurde sie von Johann Crüger (1598 bis 1662) überarbeitet, der als Lehrer am Gymnasium Zum Grauen Kloster und gleichzeitig als Kantor der St.-Nicolai-Kirche in Berlin wirkte. Bis heute werden sowohl das „Gelobet sei der Herr“ von Olearius wie das „Nun danket alle Gott“ von Rinckart nach der überarbeiteten Melodie von Johann Crüger gesungen. Sie hat sich wegen der leichteren Singbarkeit durchgesetzt und ist weit verbreitet.
Johann Sebastian Bach bearbeitete das Lied „Gelobet sei der Herr“ (BWV 129) in einer Choral-Kantate für den Sonntag Trinitatis. Und auch für „Nun danket alle Gott“ hat er eine Choral-Kantate geschaffen (BWV 192).

Andacht für die Woche vom 5. bis 11. Juni 2022 zum Wochenlied EG 126 - Sup.i.R. Christian Klatt

Die Gruppe der Pfingstlieder in unserem Evangelischen Gesangbuch wird mit drei Liedern von Martin Luther eröffnet. Zwei von ihnen, „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ (EG 124) und „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“ (EG 125) sind in unseren Gemeinden relativ gut bekannt. Das dritte jedoch, unser „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“ (EG 126), wird nach meiner Erfahrung höchst selten gesungen. Es ist zwar nach dem neuen liturgischen Plan als Wochenlied für den Pfingstsonntag bestimmt. Ich würde mich aber nicht wundern, wenn das nur wenige Gemeinden in ihren Gottesdiensten aufnehmen werden. Es ist nämlich sprachlich und melodisch ein eher sprödes Lied, nicht leicht zu verstehen und nicht leicht zu singen. Aber wenn man sich dennoch darauf einläßt, zeigt sich eine hohe theologische Aussagekraft dieser Verse. Ich will nur auf Weniges aufmerksam machen.
 
Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist, besuch das Herz der Menschen dein,
mit Gnaden sie füll, denn du weißt, daß sie dein Geschöpfe sein.
Gleich die erste Strophe schlägt einen sehr persönlichen Ton an. Ein „Besuch“ steht zu Pfingsten bevor. Gott will die Beziehung zu uns durch seinen Heiligen Geist in unserem Herzen, also von Grund auf, erneuern und beleben.
 
Die heilsame und belebende Kraft des Heiligen Geistes wird in der 2. Strophe beschrieben. Er ist „der Tröster“, er ist „ein lebend Brunn, Lieb und Feu’r“. In der 4. Strophe wird mit Bezug auf eine Bibelstelle aus dem Buch des Propheten Jesaja (11, 2) von den „Gaben siebenfalt“ gesprochen; gemeint sind die sechs Kennzeichen göttlichen Geistes: „der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn“, die in der lateinischen Bibelübersetzung noch durch den „Geist der Frömmigkeit“ ergänzt werden – alles positive Eigenschaften, die unserem Leben eine hohe Qualität geben.
 
Andere Strophen des Liedes sind als Gebetsrufe an den Heiligen Geist formuliert. Str. 3: „Zünd uns ein Licht an im Verstand“ – angesichts der heute so verbreiteten Unvernunft und Ratlosigkeit eine wirklich dringende Bitte! Oder: „gib uns ins Herz der Lieb Inbrunst“ – wie anders als mit entschlossener Nächstenliebe können wir denn die menschlichen Konflikte und weltweiten Nöte bewältigen?! Und wenn es in der 4. Strophe heißt: „den Fried schaff bei uns deine Gnad“, dann ist genau das angesprochen, was uns gegenwärtig Angst und Sorge macht. Gewiss, wir Menschen müssen Frieden schaffen. Aber das wird dauerhaft nur gelingen, wenn wir uns auf den Frieden Gottes besinnen, den er uns durch Christus geschenkt hat, und uns von ihm leiten lassen.
 
Martin Luther hat dieses Lied nach einem alten lateinischen Hymnus aus dem frühen 9. Jahrhundert gedichtet: „Veni creator spiritus – Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist.“ Seit vielen Hunderten von Jahren wird dieser Ruf, diese Bitte in unseren Kirchen laut. Sie hat bis heute nichts von ihrer Dringlichkeit verloren! Man hat ja immer häufiger den Eindruck, unsere Zeit sei „von allen guten Geistern verlassen.“ Da ist die Bitte um Gottes Heiligen Geist wirklich an der Zeit!  Möge er uns zu Menschen machen, die in seinem Geist der Liebe und des Friedens leben und handeln.
 
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete Pfingsten!
Ihr Christian Klatt 

Andacht für die Woche vom 29. Mai bis 04. Juni 2022 zum Lied EG 123 Jesus Christus herrscht als König - Sup.i.R. Wilhelm Niedernolte

1) Jesus Christus herrscht als König,
 alles wird ihm untertänig,
 alles legt ihm Gott zu Fuß.
 Aller Zunge soll bekennen,
 Jesus sei der Herr zu nennen,
 dem man Ehre geben muss.
2) Fürstentümer und Gewalten,
 Mächte, die die Thronwacht halten,
 geben ihm die Herrlichkeit;
 alle Herrschaft dort im Himmel,
 hier im irdischen Getümmel
 ist zu seinem Dienst bereit.
3) Gott ist Herr, der Herr ist Einer,
 und demselben gleichet keiner,
 nur der Sohn, der ist ihm gleich;
 dessen Stuhl ist unumstößlich,
 dessen Leben unauflöslich,
 dessen Reich ein ewig Reich.
4) Gleicher Macht und gleicher Ehren
 sitzt er unter lichten Chören
 über allen Cherubim;
 in der Welt und Himmel Enden
 hat er alles in den Händen,
 denn der Vater gab es ihm. |
5) Nur in ihm, o Wundergaben,
 können wir Erlösung haben,
 die Erlösung durch sein Blut.
 Hört's: das Leben ist erschienen,
 und ein ewiges Versühnen
 kommt in Jesus uns zugut.
6) Jesus Christus ist der Eine,
 der gegründet die Gemeine,
 die ihn ehrt als teures Haupt.
 Er hat sie mit Blut erkaufet,
 mit dem Geiste sie getaufet,
 und sie lebet, weil sie glaubt.
7) Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen,
 klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen,
 sagt, ihr Armen, ihm die Not.
 Wunden müssen Wunden heilen,
 Heilsöl weiß er auszuteilen,
 Reichtum schenkt er nach dem Tod.
8) Zwar auch Kreuz drückt Christi Glieder
 hier auf kurze Zeiten nieder,
 und das Leiden geht zuvor.
 Nur Geduld, es folgen Freuden;
 nichts kann sie von Jesus scheiden,
 und ihr Haupt zieht sie empor. |
9) Ihnen steht der Himmel offen,
 welcher über alles Hoffen,
 über alles Wünschen ist.
 Die geheiligte Gemeine
 weiß, dass eine Zeit erscheine,
 da sie ihren König grüßt.
10) Jauchz ihm, Menge heilger Knechte,
 rühmt, vollendete Gerechte
 und du Schar, die Palmen trägt,
 und ihr Zeugen mit der Krone
 und du Chor vor seinem Throne,
 der die Gottesharfen schlägt.
11) Ich auch auf der tiefsten Stufen,
 ich will glauben, reden, rufen,
 ob ich schon noch Pilgrim bin:
 Jesus Christus herrscht als König,
 alles sei ihm untertänig;               
ehret, liebet, lobet ihn!  

Liebe Leserin. Lieber Leser,
auch wenn wir schon lange keine Monarchie mehr haben und auch keine haben wollen: was ein König ist, wissen wir alle. Anders als heutige Könige hatten biblische Könige absolute Macht, aber gute Könige gebrauchten sie zum Wohl des Volkes.
 Als es in Deutschland noch Fürstentümer und Königreiche gab, hat ein württembergischer Pfarrer 1755 ein Lied geschrieben, das wir an Himmelfahrt singen: „Jesus Christus herrscht als König“.
Dieses Lied hat eine Bewegung in sich - weniger innerhalb der Melodie, als vielmehr innerhalb der Textstrophen. Elf Strophen sind hier abgedruckt, und sie beginnen ganz oben und gehen nach ganz unten. Eben haben wir mit dem himmlischen Thronsaal begonnen: Macht und Herrschaft und Himmel und zur Rechten Gottes. Höher geht es nicht. Die letzte Strophe endet ganz unten: bei mir auf der tiefsten Stufe. Tiefer geht es auch nicht? Diese Bewegung von oben nach unten mag überraschen. Wir sind ja wohl nicht das letzte.
 Nein, aber auch nicht das Maß und nicht der Anfang aller Dinge, und manchmal ist es auch ganz richtig, nicht bei uns und unseren Gefühlen stehen zu bleiben, sondern den Blick zu heben und von Gott zu reden. Darum geht es hier.
 Philipp Friedrich Hiller, so hieß der württembergische Pfarrer, der das Lied gedichtet hat, beginnt seinen Hymnus nicht mit dem irdischen Jammertal und auch nicht mit einer Klage über unsere Armseligkeit und Verlassenheit, sondern mit dem Thronsaal Gottes. Er redet nicht vom lieben Jesus, der uns nahe kommt, sondern vom Weltenherrscher, der über den Engeln und Mächten steht. Von dem reden wir viel seltener. Aber manchmal ist das notwendig. Gerade, wenn wir bei uns hängenbleiben, nur auf uns schauen, leere Kirchenbänke beklagen oder das zunehmende Desinteresse am Glauben. Es ist notwendig, wenn wir über unsere Welt klagen, an Europa zweifeln oder an der Weltwirtschaft und dem Krieg in der Ukraine verzweifeln. Wenn wir von einem Krisenland zum nächsten schauen und nirgends wird es besser. Aber wir können uns doch nicht um alles kümmern? Syrien und die Ukraine, der Jemen und der Sudan - was denn noch? Es ist notwendig, nach oben zu schauen, wenn wir Sorge um unseren Planeten haben: der Klimawandel und die Ressourcen, die wir verbrauchen. Da kommt man sich manchmal tatsächlich verlassen vor, ratlos, weil wir keine Lösungen haben, und mit einem schlechten Gewissen, weil wir davon vieles mit verursacht haben und aus Hilflosigkeit manchmal schlicht gar nichts machen. Wenn uns also die Wirklichkeit dieser Welt so mächtig vorkommt, dass uns die Wirklichkeit Gottes dagegen zu verschwinden droht - dann haben wir es wirklich bitter nötig, dass wir unseren Blick nach oben ausrichten und dorthin blicken, wo regiert wird. 
 „Gott ist Herr, der Herr ist Einer. Und dem selben gleichet keiner“. Das können wir  gerne singen - aber wen kümmert das? Die Welt geht ihre eigenen Wege und gelenkt werden sie doch von anderen, oder? Jesus regiert? Na ja.  Regiert uns vielleicht nicht längst das Geld, also globale Konzerne oder wirtschaftliche Interessen?
Wie möchten wir es denn gerne spüren? Am liebsten doch so, dass er alles gut macht und es uns dabei gut geht. Dass er uns bewahrt und beschützt und irgendwie Frieden schenkt - ohne Mühen und Kosten. Bisschen naiv und bisschen bequem, so als seien wir die Prüfkommission für Gottes Regentschaft. Aber was bedeutet dann so eine Glaubensaussage: „Jesus Christus herrscht als König?“
 Es ist eine Erinnerung, dass alles hier auf Erden vergänglich ist. Die Mächtigen werden abgelöst. Und wenn wir Christus als Herrscher feiern, erinnern wir uns und andere daran, dass das, was im Leben trägt, von Gott kommt. Wir erinnern, dass das, worauf wir uns stützen können, nicht von uns gemacht wird, sondern von Gott geschenkt. Wir erinnern uns daran, dass alle menschliche Macht begrenzt ist, dass Glück und Macht vergänglich sind, manchmal ganz schnell, und dass wir uns nicht täuschen sollten durch das, was uns Menschen möglich ist. „Jesus Christus herrscht als König“ ist auch ein trotziger Gesang von uns Christen und Christinnen, manchmal den vermeintlich Mächtigen frech ins Gesicht gesungen. Jesus Christus herrscht, und das stellt weltliche Herrschaft
 immer in seinen Schatten. Manchmal ist es befreiend zu singen. 
 Mit der „Herrschaft Christi“ fangen wir gedanklich eher bei denen „da oben“ an, die Mächtigen, die sonst keiner in ihre Schranken weisen kann. Dass Jesus Christus herrscht, bedeutet aber auch, dass er etwas in meinem Leben zu sagen hat, dass er ein Mitspracherecht bei meinen Entscheidungen hat. Nun sind wir aber Menschen, die sich ungern hinein reinreden lassen wollen in ihr Leben. Die Herrschaft Jesu Christi über mein Leben anzuerkennen, heißt aber nun gerade nicht in ein vermeintlich demütiges Dienergehabe zu verfallen, den Verstand abzugeben und den lieben Gott alles machen zu lassen. Die Herrschaft Christi beginnt dort, wo „Sünder ihm die Herzen, wo Kranke ihm die Schmerzen, wo Arme ihm ihre Not“ geben. Herrschaft Christi beginnt also, wo die Angst weicht und ich erhobenen Hauptes als Glied an seinem Leib in Freiheit lebe. „Die Gemeinde lebt, weil sie glaubt“ nennt das Strophe 6. Das ist die Gemeinschaft, in der Jesu Königsherrschaft erfahrbar werden soll. Die Gemeinde lebt, weil sie glaubt.
Schön zu hören - allerdings auch eine Anforderung. Denn glauben müssen wir, um als Gemeinde lebendig zu bleiben. Uns nach dem Himmel strecken müssen wir, um uns nicht zu bequem auf Erden einzurichten. Auf Christus schauen müssen wir, um uns nicht entmutigen zu lassen von so vielem, was wir auf Erden nicht verhindern können. Himmelfahrt lenkt unseren Blick nach oben - so wie das Lied es hier macht. Das macht uns nämlich nicht klein, aber die Bewegung geht von oben nach unten, weil Jesus wirklich König ist, und weil wir hier unten wirklich klein und menschlich sind. Aber die Bewegung geht zu uns hin, um unseren Blick nach oben zu lenken. Himmelfahrt lenkt den Blick nach oben und dann können wir wieder erhobenen Hauptes weiter- gehen. Nicht hochmütig, aber hoffnungsvoll, nicht angstvoll, sondern mutig, nicht kleingläubig, sondern auf Christus vertrauen - und dann das Leben gestalten.
 „Ihnen steht der Himmel offen“ (Strophe 9) und der ist höher als unsere Wünsche und Hoffnungen. Manchmal ist das schwer zu schlucken, aber letzten Endes tröstet es mich doch. Was ich nicht verstehe oder was mich bedrückt „Kreuz  drückt Christus Glieder“, sagt der Liederdichter dazu, das kann ich in seine Hand legen. Ich kann und muss in dieser Welt nicht alles verstehen und erst recht nicht alles tragen. Das hilft mir, mich auf das zu konzentrieren, was ich wirklich in seinem Sinne schaffen kann, damit wahr wird, was der Liederdichter singt: „Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig.“
 
Bleiben Sie behütet!
Wilhelm Niedernolte
Supwrintendent i.R.
Eldagsen 

Andacht für die Woche vom 22. bis 28. Mai 2022 zum EG 344 Vater unser Himmelreich - Sup.i.R. Wilhelm Niedernolte

Liebe Leserin, lieber Leser,
Martin Luther, der den Text dieses Liedes gedichtet und mit einer älteren Melodie der Böhmischen Brüder versehen hat, wollte, dass die Grundlagen des christlichen Glaubens dem ganzen Volk nahe
 gebracht werden, Jungen und Alten, Gebildeten und weniger Gebildeten gleichermaßen.
 Zur Zeit Luthers konnte ein Großteil der Bevölkerung nicht lesen. Deshalb schrieb er zu allen Hauptstücken im Katechismus auch Lieder mit deutschen Text, schon früh zu den 10 Geboten, zum Glaubensbekenntnis und zum Abendmahl, später dann auch zum Vater unser und zur Taufe. Das Lied zum Vaterunser, das Lied für diese Woche, ist ein gesungenes Gebet. Im Aufbau folgt es genau dem Vaterunser aus der Bibel. 
 
Vers 1:
Vater unser im Himmelreich,
der du uns alle heißest gleich
Brüder sein und dich rufen an
und willst das Beten von uns han:
Gib, dass nicht bet allein der Mund,
hilf, dass es geh von Herzensgrund.

 
Die erste Strophe beschäftigt sich mit der Anrede: „Vater unser im Himmelreich“. Zweierlei kommt
 darin zum Ausdruck. 1) Der unendliche Abstand zwischen Gott und den Menschen: Gott im Himmel und wir auf der Erde. Und 2) – im Gegensatz dazu – das vertraute Verhältnis
 zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen, eine enge und liebevolle Beziehung wie zwischen
 Vater und Sohn, Vater und Tochter. Wir dürfen uns mit unseren Anliegen nicht nur ohne Scheu an Gott wenden; er wünscht sich das sogar von uns. Besondere Aufmerksamkeit schenkt Luther dem Wort „unser“. Wir stehen nicht allein vor Gott, sondern in der Gemeinschaft von Brüdern. Die Schwestern hat Luther damals leider noch nicht hinreichend im Blick gehabt. Doch ist es sicher ganz in seinem Sinn, und noch mehr in unserem Sinn,  wenn wir sie heute  mit dazu nehmen.
Das Bild von Gott als unserem Vater spricht besonders die Menschen an, die auf gute „Vater – Erfahrungen“ zurück blicken können. In der Bibel und in anderen Liedern unseres Gesangbuches wird von Gott auch als von einer Mutter gesprochen. Es wäre also auch angemessen, das Gebet mit den Worten zu beginnen: „Mutter unser im Himmel...“
 
 Verse 2-4:
Geheiligt werd der Name dein,
 dein Wort bei uns hilf halten rein,
 dass auch wir leben heiliglich,
 nach deinem Namen würdiglich.
 Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr,
 das arm verführet Volk bekehr.

 Es komm dein Reich zu dieser Zeit
 und dort hernach in Ewigkeit.
 Der Heilig Geist uns wohne bei
 mit seinen Gaben mancherlei;
 des Satans Zorn und groß Gewalt
 zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.

 Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich
 auf Erden wie im Himmelreich.
 Gib uns Geduld in Leidenszeit,
 gehorsam sein in Lieb und Leid;
 wehr und steu’r allem Fleisch und Blut,

das wider deinen Willen tut.
 
Diese Strophen beinhalten die ersten drei Bitten des Vaterunsers, die Bitten, die auf Gott
 bezogen sind. Geheiligt werde dein Name, das heißt für Luther vor allem, dass der christliche Glaube rein und unverfälscht weitergegeben wird, wie er in der Bibel zu finden ist: mit Jesus Christus als ihrer Mitte. Es soll aber nicht beim Reden bleiben. Aus dem Reden soll ein Handeln erwachsen, das dem Willen Gottes entspricht. Erst bittet Luther positiv darum, dass das bei uns geschehen möge, dann negativ darum, dass wir von Irrlehren verschont bleiben und dass Menschen, die sich haben verführen lassen, auf einen guten Weg zurückfinden.
 Auch in der dritten Strophe kommt erst das Positive und dann das Negative. Dein Reich komme. Es
 geht Luther nicht um das Reich Gottes an sich, sondern darum, dass es auch zu uns kommt, in
 Ewigkeit, aber auch schon jetzt. Das geschieht, indem Gott uns seinen Heiligen Geist gibt und wir
 dann durch seine Gnade der frohen Botschaft glauben und ein Leben führen, wie es Gott gefällt.
 Dann hat der Teufel keine Macht mehr über uns, dann kann er die Kirche nicht zerstören und ein
 friedliches Miteinander der Menschen nicht verhindern.
 Bei der nächsten Bitte „Dein Wille geschehe“ denkt Luther zwar auch an das Himmelreich, konkret wird er jedoch nur in Bezug auf unser irdisches Leben. Er bittet um Geduld in schweren Zeiten, darum, dass wir uns im Glück und im Unglück vom Willen Gottes leiten lassen. Egoismus und Selbstfälligkeit.

 Vers 5:
Gib uns heut unser täglich Brot
und was man b'darf zur Leibesnot;
behüt uns, Herr, vor Unfried, Streit,
vor Seuchen und vor teurer Zeit,
dass wir in gutem Frieden stehn,
der Sorg und Geizes müßig gehen.

 In der Mitte des Vaterunsers und auch in der Mitte des Liedes steht die 4. Bitte: Unser tägliches Brot gibt uns heute. Das tägliche Brot steht für alles, was wir zum Leben brauchen, nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern heute. Im Kleinen Katechismus nennt Luther „Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen“. Teilweise ist das sicher zeitbedingt, aber die Sehnsucht nach Frieden, die im Lied zum Ausdruck kommt, ist heute genauso aktuell wie damals, nicht nur in der Ukraine. Die Angst vor Seuchen und vor Inflation war damals wahrscheinlich größer als heute. Auch in dieser Strophe führt Luther am Ende aus, was Gott verhindern möge: Dass wir uns zu viele Sorgen machen und dass uns von der Angst bestimmen lassen, wir könnten selbst nicht genug haben, wenn wir anderen etwas abgeben.
 
 Verse 6-8:
 
All unsre Schuld vergib uns, Herr,
 dass sie uns nicht betrübe mehr,
 wie wir auch unsern Schuldigern
 ihr Schuld und Fehl vergeben gern.
 Zu dienen mach uns all bereit
 in rechter Lieb und Einigkeit.

 Führ uns, Herr, in Versuchung nicht,
 wenn uns der böse Geist anficht;
 zur linken und zur rechten Hand
 hilf uns tun starken Widerstand
 im Glauben fest und wohlgerüst’
 und durch des Heilgen Geistes Trost.

 Von allem Übel uns erlös;
 es sind die Zeit und Tage bös.
 Erlös uns vom ewigen Tod
 und tröst uns in der letzten Not.
 Bescher uns auch ein seligs End,
 nimm unsre Seel in deine Händ.

 Diese  drei Strophen mögen uns heutzutage als weniger wichtig erscheinen. Dass Luther das
 auch so gesehen hat, ist zu bezweifeln. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Das Thema Schuld und Vergebung bestimmte die Anfänge von Luthers Glaubenslebens. Er litt unsäglich darunter, dass es ihm nicht gelang, perfekt zu sein. Er hatte Angst vor einem strafenden Gott – bis er erkannte, dass Gott uns aus Gnade vergibt, nicht weil wir es verdient hätten.
 Vor einem Rückfall in diese alten Zeiten graust ihm. Er bittet Gott, das zu verhindern. Gleichzeitig
 schaut er nach vorne und freut sich darüber, dass er, weil ihm vergeben wurde, auch anderen gerne
 vergibt. Anstatt anderen ihre Schuld vorzuhalten, will er ihnen helfen, wo er nur kann. Dabei hofft er auf Gottes Hilfe. Und doch merkt er, dass der Teufel immer wieder versucht, ihn mit allen möglichen Verlockungen von Gott wegzulocken. Der Teufel ist für Luther ganz real. Aber genauso real und viel stärker ist Gott. Der kann uns einen festen Glauben schenken und durch seinen Heiligen Geist trösten. So versteht Luther die vorletzte Bitte: Und führe uns nicht Versuchung.
 Bei der letzten Bitte Sondern erlöse uns von dem Bösen denkt Luther zunächst an all die Übel seiner und unserer Zeit, in Kirche, Gesellschaft und Politik. Aber denkt auch weiter. Seinen letzten und entscheidenden Wunsch formuliert er im Kleinen Katechismus so: „dass uns der Vater im Himmel … zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel.“ Noch schöner ist die Formulierung im Lied:
 „Bescher uns auch ein seligs End, nimm unsere Seel in deine Händ.“
 
 Vers 9:
Amen, das ist: Es werde wahr.
 Stärk unsern Glauben immerdar,
 auf dass wir ja nicht zweifeln dran,
 was wir hiermit gebeten han
 auf dein Wort, in dem Namen dein.
 So sprechen wir das Amen fein.

 
Die neunte und letzte Strophe schließt das Lied ab und bildet zusammen mit der ersten Strophe den
 Rahmen. Zunächst zeigt sich Luther hier als Glaubenslehrer und übersetzt das einzige hebräische
Wort in der ansonsten deutschen Fassung des Vaterunsers: „Amen, das ist: es werde wahr.“ Luther
 will, dass die Menschen verstehen, was sie beten und glauben. Und dann nimmt er, wie am Anfang
 des Liedes, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch in den Blick. Gott stärkt unseren Glauben und nimmt uns die Zweifel. Wir beten, im Vertrauen auf Gottes Wort, ja in seinem Namen – ein Geschenk des Vaters an seine Kinder. Ihr Gebet endet vertrauensvoll mit Amen.

Bleiben Sie behütet
Wilhelm Niedernolte

Geistliche Wegbegleitung für den jeweiligen Sonntag und die anschließende Woche

Bereits seit dem Sonntag Lätare 2020 haben wir auf unserer und auf der Webseite von St. Vincenz Altenhagen I, wöchentlich neue Andachten in Schriftform eingestellt. Den biblischen Ausgangspunkt bilden zur Zeit der jeweiligen Wochenpsalme.

Sup.i.R. Christin Klatt, Sup.i.R. Wilhelm Niedernolte, Sup.i.R. Jürgen Flohr und Pfr.i.R Jürgen-Peter Lesch erschließen diese für Sie.

Wir freuen uns über alle Leserinnen und Leser. Gott segne und behütete Sie!

Viele Grüße
Ihr Andachtsteam St. Andreas Springe und St. Vincenz Altenhagen I

Andacht für die Woche vom 15. bis 21. Mai 2022 zum Wochenlied "Ich sing dir mein Lied" (freiTÖNE 72) von Pfr.i.R. Jürgen-Peter Lesch

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“
lautet der Bibelspruch für die kommende Woche, die mit dem Sonntag „Kantate“ („Singt!“) beginnt. Diese Aufforderung nimmt das Wochenlied auf. Es beginnt mit: 
„Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben“.
Und es fährt fort: 
„Die Töne, den Klang hast du mir gegeben 
 von Wachsen und Werden, von Himmel und Erde, 
 du Quelle des Lebens. Dir sing ich mein Lied.“
Mit meinem Singen werde ich hineingenommen in die Schöpfung Gottes, in den großen Zusammenklang von Himmel und Erde, vom Wachsen und Gedeihen. So wie es im Psalm 96 heißt:
„Singet dem HERRN ein neues Lied; singet dem HERRN, alle Welt! Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist; das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; jauchzen sollen alle Bäume im Walde vor dem Herrn …“
Diese Worte können uns Anstoß und Motivation sein, unsere Augen zu öffnen für all die Wunder, die sich gegenwärtig wieder einmal vor uns abspielen. Das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist – der Raps zeigt seine leuchtend gelben Blüten. Jauchzen sollen alle Bäume im Walde – innerhalb von wenigen Tagen ist aus dem grauen und braunen Wald eine grüne Oase geworden, die der Blick kaum durchdringen kann. 
Doch das Lied geht über das Lob der Schöpfung hinaus:
„Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
 Den Rhythmus, den Schwung hast du mir gegeben
 von deiner Geschichte, in die du uns mitnimmst,
 du Hüter des Lebens. Dir sing ich mein Lied.“
Es erinnert uns an die Geschichte Gottes mit uns Menschen. An die göttliche Geschichte, in die wir mit hineingenommen sind. Wir sind nicht auf uns allein gestellt. Wir sind nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert. Wir sind Teil jener großen Geschichte, die mit der Schöpfung begonnen hat, mit Jesus Christus eine neue Perspektive bekommen hat und – auch wenn wir es nicht sehen und begreifen können – ihr Ziel hat bei Gott, dem Hüter des Lebens.
Das Lied nimmt dann auf, was uns bewegt, uns Sorgen macht und manchmal verzweifeln lässt:
„Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
 Die Höhen, die Tiefen hast du mir gegeben.
 Du hältst uns zusammen trotz Streit und Verletzung,
 du Freundin des Lebens. Dir sing ich mein Lied.“
Was unser Leben ausmacht, die dunklen und die frohen Stunden, die Festtage und die Tage der Trauer – all das gehört einfach dazu, ob wir wollen oder nicht. Die Grenzen, die wir ziehen und die andere für und gegen uns ziehen, werden nicht bestehen bleiben. Streit und Gewalt und Tod werden nicht das letzte Wort haben. Denn Gott ist eine „Freundin des Lebens“. 
Und so endet das Lied voller Hoffnung und Zuversicht:
„Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.
 Die Töne den Klang hast du mir gegeben
 von Zeichen der Hoffnung auf steinigen Wegen
 du Zukunft des Lebens. Dir sing ich mein Lied.“
Das kann uns angesichts unserer Sorgen und Unsicherheiten helfen: Dass wir Zeichen der Hoffnung auf unseren gegenwärtigen steinigen Wegen entdecken. Es gibt sie, diese Zeichen, – gerade in Zeiten, in den wir den Mut verlieren wollen. Wir hören und erleben, dass Menschen sich einsetzen – für andere Menschen, für leidende Tiere, für eine bedrohte Schöpfung. Wir hören, sehen und lesen kleine Geschichten, die uns Mut machen, uns selbst da und dort einzusetzen und zu helfen, wo wir es können. Wir erleben Veränderungen. Wir hören klare und nachdenkliche Worte, wo wir sie nicht erwartet haben, weil sie so seit Jahren nicht gesprochen worden sind. Wir sehen Gesten der Zuwendung, wo bisher Berechnung und Kalkulation im Vordergrund standen. All das sind Zeichen der Hoffnung auf den steinigen Wegen, auf denen wir versuchen voranzukommen.
Der Psalm, der froh und leicht mit den Worten beginnt:
„Singet dem Herrn ein neues Lied; singet dem Herrn, alle Welt!
schließt mit einer großen Zuversicht:
„Der Herr kommt, zu richten das Erdreich. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit.“
Am Ende werden Gerechtigkeit und Wahrheit stehen – davon singt der Psalm. Daraus wächst die Zuversicht, dass Macht und Gewalt, aber auch Leid, Krankheit und Tod nicht das letzte Wort haben. All das gibt es noch immer. Und so können wir manchmal nur verzweifeln. Doch in der Verzweiflung steckt der Zweifel. Und im Zweifel keimen der Verdacht auf, die Hoffnung und manchmal sogar die Gewissheit, dass es anders werden kann und anders werden soll. Denn Gott, der Herr, tut Wunder. Die lassen sich nicht herbeisingen. Doch im Gesang scheint etwas auf von der Hoffnung und dem Mut, die uns von Gott und durch Gott jetzt und hier zugesagt sind.


Jürgen-Peter Lesch

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Der Text und die Melodie von „Ich sing dir mein Lied“ stammen ursprünglich aus Brasilien. Die Melodie wurde von J. Fernandes da Silva komponiert; der Text – er beginnt mit „Cantai ao Senhor“ – geht zurück auf den Psalm 96. Wie beides nach Deutschland gekommen ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Das Lied hat wohl über Konferenzen wie die des Ökumenischen Rates der Kirchen seinen Weg in viele Länder gefunden. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und ist gegenwärtig in 22 Gesangbüchern enthalten. Der deutsche Text stammt von Fritz Baltruweit und Barbara Hustedt.

Andacht für die Woche vom 8. bis 14. Mai 2022 zum Wochenlied Nr 110 - Sup.i.R. Jürgen Flohr

Die ganze Welt, Herr Jesu Christ, Halleluja, Halleluja,
in deiner Urständ fröhlich ist. Halleluja, Halleluja.
 
Das himmlisch Heer im Himmel singt, Halleluja, Halleluja,
die Christenheit auf Erden klingt. Halleluja, Halleluja.
 
Jetzt grünet, was nur grünen kann, Halleluja, Halleluja,
die Bäum zu blühen fangen an. Halleluja, Halleluja.
 
Es singen jetzt die Vögel all,Halleluja, Halleluja,
jetzt singt und klingt die Nachtigall. Halleluja, Halleluja.
 
Der Sonnenschein jetzt kommt herein, Halleluja, Halleluja,
und gibt der Welt ein' neuen Schein. Halleluja, Halleluja.
 
Die ganze Welt, Herr Jesu Christ, Halleluja, Halleluja,
in deiner Urständ fröhlich ist. Halleluja, Halleluja.
 
 
Liebe Lesende,
 
Eines der Wochenlieder für diese Woche nach dem Sonntag Jubilate (Jauchzet!) stammt von dem Jesuiten und Theologieprofessor Friedrich Spee aus dem Jahr 1623.
Es ist also schon älter, aber keineswegs veraltet. Mit einer tänzerischen bewegten Melodie und dem immer wiederholten fröhlichen „Halleluja“ nimmt das Lied die Sängerinnen und Hörer mit in die große Freude über Christi „Urständ“ (=Auferstehung), und die ganze Welt feiert mit:
Die Engel im Himmel singen, und die Christenheit auf Erden klingt (Strophe 2);
das Frühlingsgrün schießt hervor, und die Bäume blühen (Strophe 3); 
die Vögel singen (Strophe 4);  die Sonne scheint und erleuchtet die Erde (Strophe 5).
        Die 6. und letzte Strophe nimmt noch einmal die Fröhlichkeit der 1. Strophe auf und preist die Auferweckung Jesu Christi von den Toten und singt das Lob Gottes.
 
     Diesen neuen Aufbruch der Natur im Frühling erleben auch wir jetzt gerade wieder mit. Wir empfinden, wie die Natur wieder neu lebendig wird und wie gut es damit zusammenstimmt, dass Christus in seiner Auferstehung gewissermaßen ebenfalls neu wird.   Darüber sind wir von Herzen froh und möchten sogleich einstimmen in den Jubel des Dichters über diesen doppelten Sieg des Lebens.
 
        Und dann hören wir vom grausamen Krieg in der Ukraine und sehen die schrecklichen Bilder von dort. Außerdem stoßen wir  immer wieder auf die Pandemie, die uns seit 2 Jahren bedrückt. Krankheiten und andere Probleme machen uns zu schaffen; und dann drohen die österliche Freudenbotschaft und der Aufschwung im Frühling zu versanden in den Sorgen unseres Alltags.
     Wie gehen wir damit um?  
Es hat ja keinen Sinn, die realen Gefahren unserer Tage zu überspielen mit fröhlichen Osterliedern. Es wäre aber auch völlig falsch, wenn wir uns die Freude über Jesu Auferstehung verderben ließen von heutigen Sorgen.
     Sondern wir sollten alles, was uns begegnet, wahrnehmen und auch ernstnehmen und dann entscheiden, was wir tun können und sollen. Das heißt für mich, dass wir dort helfen, wo wir etwas tun können, sei es im eigenen Umkreis oder in der Politik oder in weltweiter Solidarität. In solchem Einsatz aber sollten wir immer auch auf Gott und seinen Beistand vertrauen und uns Jesus zum Vorbild nehmen. Dann können wir  uns trotz und in den Anforderungen und Problemen unseres Alltags auch freuen am Aufblühen der Natur und glaubend darauf vertrauen, dass Christus lebt und uns begleitet.
     Auch Friedrich Spee hat in einer besonders schlimmen Zeit gelebt, nämlich während des furchtbaren Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert, und er hat eifrig gegen die grausame Verfolgung angeblicher Hexen gekämpft.
     Trotzdem hat er ein solch fröhliches und mitreißendes Osterlied gedichtet. Nehmen wir uns doch ihn zum Vorbild für einen frohen Glaubensmut und für ein tatkräftiges Christsein in schwerer Zeit!
 
Jürgen Flohr 

Andacht für die Woche vom 1. bis 7. Mai 2022 zum Wochenlied EG 274 - Sup.i.R. Christian Klatt

Der Psalm 23, der Psalm vom Guten Hirten, gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Texten der Bibel. Der Choral, in dem diese Psalmworte zu Liedstrophen umgedichtet worden sind, wird hingegen nicht so oft gesungen. Am kommenden zweiten Sonntag nach Ostern schon. Denn er hat die Barmherzigkeit Gottes („Misericordias Domini“) zum Thema, die im Psalm und im Wochenlied mit dem schönen Bild des Guten Hirten anschaulich entfaltet wird. 
Dieses Lied gehört zu den frühesten Chorälen der Reformationszeit. Es ist 1531 erschienen und in einem Augsburger Gesangbuch erstmals abgedruckt. Der unbekannte Dichter hat sich genau an die Empfehlung Martin Luthers gehalten, die dieser ein paar Jahre zuvor in einem Brief formuliert hatte: Er habe den Plan, „deutsche Psalmen und geistliche Lieder zu schaffen, damit das Wort Gottes auch durch den Gesang unter den Leuten bleibt.“ Dabei solle man „frei verfahren, wenn nur der Sinn gewahrt ist, den Wortlaut vernachlässigen und durch andere geeignete Worte wiedergeben.“
 
Dem Dichter genügen nur wenige Veränderungen und Worte, um den Sinn des alten Psalms der Gemeinde nahezubringen. Strophe 1:
„Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute,
darin mir gar nichts mangeln wird jemals an einem Gute.
Er weidet mich ohn Unterlass, da aufwächst das wohlschmeckend Gras
seines heilsamen Wortes.“
 
Seines heilsamen Wortes! Richtig, wir Menschen leben nicht von der „grünen Aue“, auf die der Hirte seine Herde weidet, sondern von dem Worte Gottes, das uns durch die Bibel und die Predigt gegeben ist und das uns stärkt und leitet und tröstet.
 
Ebenso in der Strophe 3, wo der Dichter das Bild vom Weg im „finstern Tal“ aufgreift und durch andere Erfahrungen ergänzt, die uns in diesen Kriegs- und Coronazeiten besonders bedrücken: „in Leid, Verfolgung und Trübsal, in dieser Welte Tücke.“ Der Psalmbeter hatte in diesem Vers den guten Hirten direkt angeredet: „du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Im Lied werden die Handwaffen des Hirten wiederum auf das Evangelium bezogen, auf das wir uns verlassen können: „denn du bist bei mir stetiglich, dein Stab und Stecken trösten mich, auf dein Wort ich mich lasse.“
 
Das „frische Wasser“ aus dem Psalm wird so gedeutet: „das ist sein werter Heilger Geist, der mich macht wohlgemute.“ Ebenso wird das Bild des Psalmbeters vom festlichen Mahl im Tempel auf die Ebene geistlicher Hoffnung und Freude gehoben: „mein Haupt tust du mir salben mit deinem Geist, der Freuden Öl, und schenkest voll ein meiner Seel deiner geistlichen Freuden.“
 
Schließlich die letzte Strophe:
„Gutes und viel Barmherzigkeit folgen mir nach im Leben,
und ich werd bleiben allezeit im Haus des Herren eben
auf Erd in der christlichen G’mein,  und nach dem Tode werd ich sein
bei Christus, meinem Herren.“ 
Hier fällt nun der Name dessen, der im Evangelium des Sonntags von sich selbst gesagt hat: „Ich bin der gute Hirte.“ (Joh. 10, 11) Im Vertrauen auf Jesus Christus können wir gern mit einstimmen in die wunderbaren Worte dieses 23. Psalms: „Der Herr ist mein Hirte.“
 
Bleiben Sie gesund und behütet in diesen schwierigen Zeiten!
 Ihr Christian Klatt     

Andacht für die Woche vom 24. bis 30. April 2022 zum Wochenlied EG 117 - Sup.i.R. Wilhelm Niedernolte

EG 117 - Der schöne Ostertag

1. Der schöne Ostertag! Ihr Menschen, kommt ins Helle!
Christ, der begraben lag, brach heut aus seiner Zelle.
Wär' vor'm Gefängnis noch der schwere Stein vorhanden,
so glaubten wir umsonst.
Doch nun ist er erstanden, erstanden, erstanden, erstanden
 
2. Was euch auch niederwirft, Schuld, Krankheit, Flut und Beben -
er, den ihr lieben dürft, trug euer Kreuz ins Leben.
Läg' er noch immer, wo die Frauen ihn nicht fanden,
so kämpften wir umsonst.
Doch nun ist er erstanden, erstanden, erstanden, erstanden
 
3. Muss ich von hier nach dort – er hat den Weg erlitten.
Der Fluss reißt mich nicht fort, seit Jesus ihn durchschritten.
Wär' er geblieben, wo des Todes Wellen branden,
so hofften wir umsonst.
Doch nun ist er erstanden, erstanden, erstanden, erstanden,
 
 
Liebe Gemeinde, dieses Lied beginnt mit einem Ausruf: „Der schöne Ostertag!“ Und mit einer Aufforderung: „Ihr Menschen, kommt ins Helle!“ Ihr Menschen, kommt heraus aus eurer Dunkelheit, aus euren trüben Gedanken, aus eurer Traurigkeit, aus eurer Angst, aus eurer Gottesferne. Tretet ins Helle, da wo man aufleben kann, wo Gottes Liebe und Nähe zu spüren ist, da, wo er uns zeigt, dass uns nichts und niemand von ihm trennen kann.
Erst danach wird erläutert, was eigentlich geschehen ist – dass nämlich Jesus, der begraben lag, nun aus dem Gefängnis des Todes ausgebrochen ist. Das ist der Grund für unsere Osterfreude. Denn: Wäre Jesus in seinem Grab geblieben, wäre der Stein immer noch da, wo er vorher lag, so wäre unser Glaube umsonst. Doch nun ist er erstanden, erstanden, erstanden, erstanden! Das kann gar nicht oft genug gesagt werden.
Gottes Kraft ist stärker als alles andere. Und er benutzt diese Kraft, um unser Leben zu erhalten. Und: Um uns am Ende unseres Lebens in ein neues Leben zu führen.
Das macht die dritte Strophe deutlich:
„Muss ich von hier nach dort – er hat den Weg erlitten.
Der Fluss reißt mich nicht fort, seit Jesus ihn durchschritten.“
 
Der Weg aus diesem Leben hinaus, den wir alle einmal gehen müssen, ist kein dunkler, unbekannter Weg mehr. Alles, was da am Ende unseres Lebensweges an Leid vielleicht an Leid auf uns wartet, hat Jesus auch erlitten. Und er ist hindurch gekommen. Gott hat ihn hindurch gebracht, durch den Fluss, mit dem vermutlich der Styx gemeint ist, der Todesfluss aus der griechischen Mythologie, der das Reich der Lebenden vom Reich der Toten trennte. Und der dafür sorgte, dass die Toten nicht zu den Lebenden zurückkehren konnten.
Aber Jesus hat diesen Fluss durchschritten. Und zwar in die eine wie in die andere Richtung. Er hat den Tod auf sich genommen, er ist tatsächlich gestorben. Aber er ist nicht dort geblieben, wo die Wellen des Todes ans Ufer schlagen. Er ist von den Toten auferstanden.
Wie gehen wir  mit solchen Christen um, die uns sagen: Ich kann das nicht glauben? Ich finde Kirche gut, ich finde die kirchliche Sozialarbeit gut, die Bildungsarbeit, die Musik. Das alles finde ich gut und mache auch gern mit. Aber die Auferstehung Jesu? Damit kann ich nichts anfangen. Gehören solche  sie noch zu uns?
Ich glaube, genau für solche Christen ist dieses Lied gut und passend und hilfreich. Denn zum Glauben kann man niemanden zwingen, weder jemand anderen noch sich selbst. Aber dieses Lied will auch überhaupt niemanden zwingen. Es will uns nichts aufdrücken, es vertritt keine Dogmen, die wir zu übernehmen hätten. Den Weg zum Glauben finden Menschen fast nie über Dogmen oder über andere Theorien vom Glauben. Glaube ist nicht ein Katalog von Dogmen, die man für richtig halten muss. Zum Glauben findet man über andere Menschen, über die Eltern oder über eine Kirchengemeinde. Wenn eine Kirchengemeinde ein Haufen freudloser Menschen ist, was man manchmal schon an der Ausstattung ihrer Kirche sehen kann, kann sie nicht erwarten, dass Menschen neugierig auf sie werden und zum Gottesdienst kommen und Kreise kennen lernen möchten. Wenn aber eine Kirchengemeinde und ihre Mitglieder und die Aktiven den Eindruck vermitteln, dass sie von Gott gehalten werden, nach der Melodie: „In dir ist Freude in allem Leide“ dann werden Menschen neugierig auf solche Freude.
 
So will dieses Lied uns hineinnehmen in das, was es verkündet. Es will uns hineinnehmen in den Jubel über die Osterbotschaft, in die Freude über das Gute, das Gott für uns getan hat.
Ich bin sicher, es ist der beste Weg, um unseren Glauben zu vermitteln, Freude zu vermitteln, Freude auszustrahlen und auszuteilen, Freude, die niemandem übergestülpt wird. Sondern die einfach ansteckend wirkt und in anderen Freude weckt. Dann, wenn diese Freude sich ausbreitet, werden immer mehr Menschen einstimmen können in den Jubelruf: Doch nun ist er erstanden, erstanden, erstanden, erstanden.
 
Bleiben Sie behütet
Wilhelm Niedernolte
Eldagfsen
Superintendent i.R.

Andacht für die Osterwoche vom 17. bis 23. April 2022 von Pfr.i.R. Jürgen-Peter Lesch

„Wir wollen alle fröhlich sein“ (EG 100 – Wochenlied am Ostermontag)

1. Wir wollen alle fröhlich sein / in dieser österlichen Zeit; 
denn unser Heil hat Gott bereit’.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

2. Es ist erstanden Jesus Christ, / der an dem Kreuz gestorben ist, 
dem sei Lob, Ehr zu aller Frist.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

3. Er hat zerstört der Höllen Pfort, / die Seinen all herausgeführt 
und uns erlöst vom ewgen Tod.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

4. Es singt der ganze Erdenkreis / dem Gottessohne Lob und Preis, 
der uns erkauft das Paradeis.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

5. Des freu sich alle Christenheit / und lobe die Dreifaltigkeit 
von nun an bis in Ewigkeit.
Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.


Liebe Leserinnen und Leser!

„We schollen alle vrolik sein to tesser osterliken tyd“ so lautet der ursprüngliche Text, der um 1479 im Nonnenkloster Medingen bei Lüneburg entstanden ist. Die Melodie ist noch etwa 70 Jahre älter. Sie ist so fröhlich, dass man im Grunde beim Singen nicht still auf den Kirchenbänken oder -stühlen sitzen bleiben kann. Es sollte zu diesem Lied eigentlich getanzt werden auf Straßen und Plätzen in den Städten und Dörfern. Denn es hat den Dreierrhythmus eines Tanzes. Es ist ein Tanzlied voller Freude über die Rettung vor der Macht des Todes. Und voller Fröhlichkeit über das Heil, das Gott selbst den Menschen gebracht hat und immer wieder bringen will.

Ich höre das Lied und möchte gern mitsingen und tanzen. Doch dann sehe ich die Bilder und höre die Nachrichten über Tod und Zerstörung, über Not und Verzweiflung und Flucht – aus der Ukraine, die mir so nah ist wie nie zuvor, aus Somalia und aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Kenia, aus Marokko und vielen anderen Gegenden auf unserer Erde. Ich sehe und höre, dass überall – auch hier bei uns – Menschen leiden und trauern und verzweifelt sind. Und ich frage mich: Kann ich da singen, darf ich da singen: „Wir wollen alle fröhlich sein“?

So nehme ich mir etwas Zeit und lese die zweite Strophe: 

„Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist …“. 

Bei aller Fröhlichkeit geht es hier um einen grausamen Tod. Fast hätte ich darüber hinweggesungen – über dieses schreckliche und einsame Sterben. Es ist der Tod eines Menschen, des Sohnes einer Mutter, des Sohnes Marias. Dieser Mensch Jesus litt am Kreuz und schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er war allein und entsetzlich einsam. Denn Gott schwieg. So wie er schon geschwiegen hatte, als Jesus im Garten Gethsemane zu ihm betete und flehte: Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir. Doch nicht, was ich will, sondern was du willst. Dreimal betete Jesus im Garten Gethsemane vor seiner Verhaftung. Und dreimal antwortete Gott nicht. Der Himmel war verschlossen, und das hat sich bis zum Todesschrei von Jesus am Kreuz nicht mehr geändert.

Die Jünger hatten im Garten Gethsemane geschlafen, während Jesus betete und flehte. Und sie waren geflohen, als die Soldaten kamen. Sie haben versagt. So wie wir Menschen immer wieder versagen, verzweifeln, ohnmächtig sind angesichts der Gewalt und des Leides, die Menschen einander zufügen. Das ist die eine Seite, an die uns Ostern immer wieder erinnert: Unsre Angst, unser Versagen, unsere Verzweiflung und unsere Hilflosigkeit.

Doch dabei wird und soll es nicht bleiben. Denn genau an diesem tiefsten Punkt unserer Existenz, an diesem toten Punkt handelt Gott: 

„Er hat zerstört der Höllen Pfort, die Seinen all herausgeführt und uns erlöst vom ewgen Tod.“

Während noch das Schweigen Gottes auf seinen Jüngern, auf den Menschen, auf der Welt lastet, handelt Gott. Seine Antwort geschieht hinter allem unserem Zagen und Klagen. Es geschieht das Neue, das Unmögliche und Unglaubliche: Der von den Menschen verlassene Jesus, der elendig am Kreuz Gestorbene, steigt nun hinab in das Reich des Todes. Jetzt wird deutlich, was es mit dem Heil auf sich hat, das in der ersten Strophe bejubelt wird. Das Heil ist die Erlösung vom „ewgen Tod“ durch die Zerstörung seiner Macht und die Befreiung von uns Menschen aus seinem Bannkreis. Kurz zusammengefasst ist hier, was die lateinische Vorlage des Liedes, das „Resurrexit Dominus“ näher ausführt: „Er stieg hinab wie ein aufgereckter Löwe zur Totenwelt, laut rufend, die Himmelspforte aufschließend. Adam, Eva riss er heraus und andere, die er wollte, und erschien so den Seinen“. Dies sagen wir kurz zusammengefasst in unserem Glaubensbekenntnis aus: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“, oder wie es früher ausgedrückt war: „ niedergefahren zur Hölle“. 

Diese gute, diese erlösende Nachricht erfahren als erste nicht die Jünger, die alle im Garten Gethsemane geflohen waren, als Jesus verhaftet wurde. Es erfahren zunächst nicht die Jünger, die wie Petrus abgestritten hatten, etwas mit Jesus zu tun zu haben. Die Frauen, die bis zum bitteren Ende unter dem Kreuz Jesu ausgeharrt hatten, hören als erste die erlösende Botschaft. Sie sind bis zuletzt bei ihm geblieben, und nun kommen sie als Erste zum Grab Jesu. Es ist der Ostermorgen, und das Grab ist leer. „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“ ist die Botschaft des Engels an sie. Und sie, die Frauen, bringen uns diese frohe und fröhlich machende Botschaft. 
„Es singt der ganze Erdenkreis dem Gottessohne Lob und Preis, der uns erkauft das Paradeis.“

Die erlösende Botschaft gilt dem „ganzen Erdenkreis“. Sie gilt über die gesamte Zeitspanne vom Paradies am Anfang bis zum Paradies am Ende der Zeiten. Die Auferstehung von Christus sprengt Raum und Zeit. Der Himmel ist nicht mehr dunkel und verschlossen. Die Pforten des Paradieses sind wieder geöffnet. Unser Tun und Lassen, unser Hoffen und Bangen, unsere Verzweiflung und unsere Zuversicht sind nicht umsonst und nicht vergebens. Seit der Auferstehung von Christus gilt: Unsere Welt ist zwar nicht heilig, aber sie ist auch nicht heillos. Sondern sie ist heilbar. Darum können wir einstimmen in „Lob und Preis“.

Die Auferstehung von Christus macht die Verzweiflung im Garten Gethsemane und den elenden Tod auf Golgatha nicht ungeschehen. Verzweiflung und Tod begleiten uns weiterhin durch unser Leben. Christinnen und Christen sind wie alle Menschen nicht davor gefeit, der Not ins Angesicht blicken zu müssen. Die Erlösung, die Gott an Ostern mit und durch seinen Sohn erfochten hat, schließt nicht aus, dass jede und jeder von uns in die Lage kommen kann, an seinem Ort, in seinem Leben kämpfen zu müssen. Es mag sein, dass es mir dann gelingt, meine Würde zu wahren und aufrecht zu bleiben. Ich kann mir aber dessen nicht sicher sein. Wie die Jünger im Garten Gethsemane kann ich versagen und schließlich fliehen. Wer kann vorher wissen, wie stark ihm Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Trauer packen werden? Und wer weiß vorher, wie einsam er dann werden wird, wie viel Verlegenheit er den Mitmenschen bereiten wird, wenn sie ihm nicht mehr helfen können? 

Dagegen bringt Ostern die Erlösung. Die Erlösung von unserer Vorstellung, stark und mutig und heldenhaft sein zu müssen. Der elende und klagende Jesus wurde durch Gottes Handeln der auferstandene und rettende Christus. Auch nach Ostern gehören Leid und Tod zu unserem Leben dazu. Doch seit Ostern stehen dagegen die Gewissheit und die Freude darüber, dass dies nicht die gesamte und alles bestimmende Wirklichkeit ist. Gottes Wirklichkeit ist weiter und größer und stärker.

Christinnen und Christen erfahren in der Nähe Gottes die Befreiung von Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Doch zugleich spüren sie auch im Leiden die Nähe Gottes. Das ist nach Ostern nicht mehr das Leiden von Jesus, sondern das eigene Leiden und das Leid in der Welt. Man denkt leicht, die Hinwendung zu dem leidenden Nächsten sei für Christinnen und Christen eine moralische Pflicht. Das ist wohl zu kurz gedacht. Die Hinwendung zum Nächsten ist ein tiefes religiöses Verlangen. Sie ist ein Weg in die Gottesnähe. Die Hinwendung zum Nächsten entspringt der Einsicht, dass ich das Leiden – mein eigenes Leiden und das Leiden anderer – nicht immer verringern oder gar beenden kann. Es ist die Einsicht, dass ich aber gerade in dieser Ohnmacht mir nicht selbst ausgeliefert bin, sondern bei und in Gott geborgen bin. Das gilt sogar dann, wenn Gott schweigt. Denn wir sind durch Christus mit ihm versöhnt und er mit uns.

Darum können und dürfen wir gerade jetzt, wo uns Angst und Unsicherheit quälen und die Not anderer Menschen uns so nahekommt, voller Freude und Zuversicht das alte Osterlied singen – und vielleicht sogar dazu tanzen:

Des freu sich alle Christenheit und lobe die Dreifaltigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Osterfest. 
Jürgen-Peter Lesch 

Andacht zum Wochenlied Nr. 14 für den Palmsonntag (10.4.2022)

1. Dein König kommt in niedern Hüllen, ihn trägt der lastbarn Es'lin Füllen,
empfang ihn froh, Jerusalem!
Trag ihm entgegen Friedenspalmen, bestreu den Pfad mit grünen Halmen;
so ist's dem Herren angenehm.

2. O mächt'ger Herrscher ohne Heere, gewalt'ger Kämpfer ohne Speere,
o Friedefürst von großer Macht!
Es wollen dir der Erde Herren den Weg zu deinem Throne sperren,
doch du gewinnst ihn ohne Schlacht

3. Dein Reich ist nicht von dieser Erden, doch aller Erde Reiche werden  
dem, das du gründest, untertan.
Bewaffnet mit des Glaubens Worten zieht deine Schar nach allen Orten
der Welt hinaus und macht dir Bahn.

4.  Und wo du kommst herangezogen, da ebnen sich des Meeres Wogen,
es schweigt der Sturm, von dir bedroht.
Du kommst, dass auf empörter Erde der neue Bund gestiftet werde,
und schlägst in Fessel Sünd und Tod.

5. O Herr von großer Huld und Treue, o komme du auch jetzt aufs Neue
zu uns, die wir sind schwer verstört.
Not ist es, dass du selbst hienieden kommst, zu erneuen deinen Frieden,
dagegen sich die Welt empört.

6.  O lass dein Licht auf Erden siegen, die Macht der Finsternis erliegen
und lösch der Zwietracht Glimmen aus,
dass wir, die Völker und die Thronen, vereint als Brüder wieder wohnen
in deines großen Vaters Haus.

Liebe Lesende,

dieses Lied in unserem Gesangbuch ist eins der Wochenlieder für die Karwoche, die 
dem heutigen Palmsonntag folgt.
 
Es ist ein nicht so bekanntes Adventslied, und es besingt in seiner 1. Strophe den 
Einzug Jesu in Jerusalem. Bei diesem Einzug haben die Bewohner der Stadt 
Palmzweige vor Jesus auf den Weg gelegt, um sein Kommen zu feiern; und so 
nennen wir diesen Tag nun Palmsonntag. Ihm folgt im Kirchenjahr die Karwoche, die
Woche des Klagens über Jesu Kreuzestod am Karfreitag. 
     
So schön und fröhlich jener umjubelte Einzug Jesu in Jerusalem war, so traurig 
und schrecklich endete die Woche mit Jesu Tod und Begräbnis.
Und so passt der Ernst dieser Woche gut in unsere jetzige Zeit und zu den 
Nachrichten dieser Tage aus der Ukraine, wo ebenfalls gemordet und gestorben wird 
und wo alle Freude verstummt ist.
Vom Friedensfürsten Christus spricht die 2. Strophe des Liedes und davon, dass er ein
Herrscher ohne Heere ist und seinen Thron gewinnt ohne Schlacht. Diese 
Vorstellungen von friedlicher Herrschaft scheinen nun gar nicht in unsere Gegenwart 
zu passen, aber nähren vielleicht die Hoffnung darauf, dass irgendwann doch wieder 
Friede wird, worauf wir inständig warten.
In der 3. Strophe stellt der Liederdichter Friedrich Rückert allerdings fest, dass 
Christi Reich nicht von dieser Erde ist und doch am Ende alle anderen Reiche ihm 
untertan werden sollen. Doch davon sehen wir heute leider wenig. Trotzdem sind wir 
als Christinnen und Christen aufgefordert, Jesu Friedensbotschaft auszubreiten, wo 
wir es können; ein schwerer Auftrag in diesen Tagen.
Immerhin erinnert die 4. Strophe des Liedes daran, dass Jesus Macht hatte über 
Wasser und Wind und dass er uns Menschen mit Gott versöhnt hat im neuen Bund, 
den er durch Jesu Kommen und Wirken gestiftet hat. Vielleicht hilft es uns und 
anderen, wenn wir an Christus und seine friedensstiftende Macht erinnern.
Die 5. Strophe nennt uns Menschen „schwer verstört“, und das können wir sicherlich 
sehr gut nachfühlen in diesen Tagen. Und wir werden aus tiefer Überzeugung mit 
dem Lied den Herrn bitten, selbst seinen Frieden zu erneuern unter uns Menschen.
In der 6. Strophe schließlich soll Jesu Licht auf Erden siegen und die Macht der 
Finsternis erliegen, so dass wir Menschen wieder wie Geschwister wohnen können 
auf Gotte Erde. Dieser Vision und Hoffnung können wir nur aus vollem Herzen 
zustimmen! 
Doch leider wirkt sie heute wie eine ferne Illusion; und wir können nur inständig 
hoffen und uns dafür einsetzen, dass es keine Illusion bleibt, sondern dass der Frieden
und die Geschwisterlichkeit irgendwann wieder eine Chance bekommen in der 
Ukraine und überall auf der Erde.
So ist dieses Wochenlied aus dem 19. Jahrhundert eins, das wir auch heute gut 
mitsingen und nachfühlen können; denn es kann die Kriegsschrecken unserer 
Gegenwart verbinden mit der Erinnerung an Jesu Leiden und Sterben in dieser 
Karwoche. Gleichzeitig aber erhebt es unseren Blick zu diesem Jesus Christus und zu
der Gewissheit, dass es von seinem Tod und von seiner Auferweckung her doch 
Hoffnung gibt auf Frieden und Versöhnung von Gott her auch in den Finsternissen 
dieser Tage. 
Gebe Gott, das dieser schreckliche Krieg ein Ende finde und dass die Beteiligten zu 
neuer Menschlichkeit zurückfinden, so schwer das jetzt scheint.
Jürgen Flohr  

Andacht für die Woche vom 3. bis 9. April 2022 zum Wochenlied EG 97 - Sup.i.R. Christian Klatt

EG 97 "Holz auf Jesu Schulter"

„Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht,
ward zum Baum des Lebens und bringt gut Frucht.“
Das neue Wochenlied für den Sonntag Judica beeindruckt durch seine sprachliche und theologische Aussagekraft. In allen sechs Strophen sind es jeweils nur zwei Verse, die mit wenigen Worten den „Widerstreit von Kreuz und Auferstehung, von Sinnlosigkeit und Lebensreichtum“ zum Ausdruck bringen. So hat der Verfasser selbst, der Theologe Jürgen Henkys, seine Dichtung beschrieben. Das Holzkreuz Jesu, eigentlich Symbol eines schändlichen, unehrenhaften Todes, ist zu einem Baum des Lebens geworden. Denn es steht für die Kraft der Liebe und der Hingabe, der Versöhnung und des Friedens, die in der Person Jesu zum Leuchten gekommen ist und die bei uns allen gute Frucht bringen will. Darum heißt es in der zweiten Strophe:
„Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt 
Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt.“ 
Ja, die Bitte um den Frieden ist das Gebot der Stunde in diesen dunklen Tagen. Das ist eine schlimme Passionszeit für das ukrainische Volk. Aber nicht nur dort. Der Liederdichter hat recht, wenn er in der dritten und fünften Strophe sagt:
„Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht.“
„Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu.“
Genauso ist es! Man könnte darüber verzweifeln, wenn man nichts wüsste von dem guten und ermutigenden Zuspruch Gottes, den der Dichter beide Male hinzufügt:
„Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht!“
„Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du?“
Darum klingen mitten in diesem ernsten Lied, in der vierten Strophe, auch der Lobpreis und die Zuversicht auf:
„Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht.“
Und mit einer geradezu paradoxen, aber präzisen Formulierung bringt der Dichter auf den Punkt, dass Gott uns in allem, was wir erleben und erleiden, gnädig zugewandt ist:
„Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht.“
Die letzte Strophe wiederholt noch einmal, nun in der Form eines Gebetes, was schon in der ersten Strophe gesagt wurde: Das Kreuz Jesu ist für uns ein Baum des Lebens:
„Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr,
ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer.“
Und dann endet das Lied mit einem Kehrvers, der auch schon zuvor am Schluss aller Strophen erklungen ist:
„Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!“
Die holländische Textvorlage für dieses Wochenlied war ursprünglich für den letzten Sonntag im Kirchenjahr, für den Totensonntag, geschaffen worden. Jürgen Henkys aber hat sein Lied auf der Grenze zwischen Passion und Ostern angesiedelt. Die Bitte „Kyrie eleison - Herr, erbarme dich“ richtet sich an den, dessen Tod am Kreuz für uns ein Ruf zum Leben ist, zu einem Leben, das allen dunklen Erfahrungen standhält und Zeichen des Friedens und der Liebe dagegensetzt.
 
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passions- und Osterzeit. Bleiben Sie behütet und zuversichtlich!
Ihr
 Christian Klatt  

Andacht für die Woche vom 27. März bis 2. April 2022 - Sup.i.R. Wilhelm Niedernolte

EG 98 Korn, das in die Erde (Wochenlied am Sonntag Laetare)

1. Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt.

Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

2. Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.             
Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn? Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün."

3. Im Gestein verloren Gottes Samenkorn, unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn.               
Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Die alten Passionslieder beschreiben oft in grausamen Bildern das Leiden und Sterben Jesu Christi:
„ O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“ oder „Ich bins, ich sollte büßen an Händen und an Füßen gebunden in der Höll.“
Die Passionszeit ist auch in diesem Jahr  reich an Bildern, auch an Bildern des Grauens.

Die Bilder, die uns vom Krieg in der Ukraine erreichen, von den zerbombten Häusern, von den fliehenden Menschen, sind kaum zu ertragen. Das ist die Leidenszeit, die Passionszeit in diesem Jahr.

Das Lied für diese Woche spricht eine andere Sprache. Es lebt zwar wie die alten Passionschoräle von Bildern. Von großen Bildern. Aber sie malen nicht aus, sie deuten nur an. Sie springen uns nicht blutig und dornig ins Gesicht. Sie entfalten ihre Kraft auf andere Weise. Das tut mir gut mitten in dieser Passionszeit mit ihren grausigen Bildern.

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Da ist eine andere Gewalt am Werk, die Gewalt der Schöpfung, die wir in jedem Frühjahr neu erleben können. Allerdings habe  in diesem Jahr wieder einmal den Moment verpasst, an dem der Frühling begann. Plötzlich war es wieder da, das Leben, das Vogelgezwitscher, das Grün, Blüten und Blätter. Der Winter war dunkel und lang, aber der Frühling kommt mit Macht. Schaut nur, die Natur macht es euch vor: Liebe lebt auf, die längst erstorben schien. Und da kommen dann auch wieder die anderen Bilder von den Opfern und ihren Angehörigen. So viel Leid, so viel Elend, alle Bilder des Schreckens, sie wollen uns weismachen, dass alles abgestorben ist. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien. Auch aus abgestorbenen Lebensbereichen kann wieder etwas sprießen. Das heißt nicht, es wird wieder alles wie früher. Aber das heißt, dass aus den verprügelten, mit Füßen getretenen, abgeknallten Menschen und Hoffnungen Neues entstehen kann. Menschen müssen nicht sterben an Enttäuschungen, an Verlusten, an Versäumnissen. Davon hält dieses Lied einen Keim der Hoffnung wach.

„Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab. Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn? Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün."

Gott selbst scheitert mit seiner Liebe. Sein Sohn Jesus stirbt unschuldig am Kreuz. Die Menschen wollten diese Liebe nicht. Sie haben sie nicht ertragen. Ans Kreuz geschlagen haben sie den, der Gottes Liebe in Person war. Fertig gemacht, zur Strecke gebracht. Einen Felsen vor das Grab gewälzt, ihm den Weg abgeschnitten. Aber die Kraft des Weizenkorns brachte auch diesen Stein ins Rollen. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Im Gestein verloren Gottes Samenkorn, unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn. Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien. Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Nun sind wir mit dabei, hängen mit drin. Wir sind gar nicht nur Betrachter der Passion Christi, sind nie nur Zuschauer vor den Bildschirmen mit ihren Schreckensnachrichten. Wir sind tief verstrickt in diese Geschichten. Jetzt, in der letzten Strophe, finden wir uns wieder als ein Samenkorn, das ausgestreut wird wie in jenem Gleichnis vom Sämann, der ausging zu säen. Wir finden uns in verschiedenen Lebenssituationen mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen vor. Mal gibt der Ackerboden unseres Lebens mehr, mal weniger her zum Wachsen und Gedeihen, mal schießt es schnell und rasant in die Höhe, mal geht es eher in die Breite, mal halten wir uns gerade so über Wasser. Und dann gibt es auch diese Zeiten, von denen das Lied sagt: „Unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn."

Da hängen wir fest, kommen nicht von der Stelle, weder vor noch zurück, und jede Bewegung schmerzt. Alle unsere Leidensgeschichten sind hier ins biblische Gleichnis  vom Samenkorn gefasst, das irgendwo hinfällt, wo es nicht aufgehen kann, sich nicht entfalten, nicht seiner Bestimmung entgegenwachsen.

Hin ging die Nacht. Es ist die Nacht, die auf den Karfreitag folgt. In ihr sind viele Passionsgeschichten zu Hause. In ihrem Dunkel sitzen viele Menschen gefangen.

Warum muss es diese Nacht und einen ganzen Karsamstag und noch eine Nacht geben, bevor die ersten Menschen von der Auferstehung erfahren? Warum wird es nicht schneller Ostern? Warum diese drei Tage. Im Glaubensbekenntnis heißt es an dieser Stelle: Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Das ist sozusagen die Erklärung aus göttlicher Sicht.

Christus nimmt nicht nur den Tod auf sich, er geht auch durch die Hölle, durchmisst alle denkbaren Schreckenstiefen. Er lotet die Tiefe des Todes aus. Er geht bis in den letzten Winkel der Hölle.

Und auf der menschlichen Seite? Auf der Seite unserer Erfahrung? Da stehen diese drei Tage für all das Ausmaß menschlichen Elends, das ausgehalten sein muss, das sich nicht wegwischen lässt mit ein paar Worten, das sich nicht auf morgen vertrösten lässt. Ja, es gibt Menschen, die im Karsamstag wohnen, viele Tage und Nächte, vielleicht sogar jahrelang. Aber auch ihnen gilt: Der dritte Tag erscheint. Jesus zieht uns mit in das Licht des Ostermorgens, lässt uns teilhaben an seiner Auferstehung, oder wie dieses Lied es nicht müde wird zu sagen: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Bleiben Sie behütet.

 

Wilhelm Niedernolte, Eldagsen

Superintendent im Ruhestand

Andacht für die Woche vom 20. bis 26. März 2022 von Pfr.i.R. Jürgen-Peter Lesch

Liebe Leserinnen und Leser,

seit zwei Jahren finden Sie an dieser Stelle wöchentlich wechselnde Andachten. Darin standen im letzten Jahr Gedanken zu den jeweiligen Wochenpsalmen. Von diesem Sonntag an werden Andachten über die jeweiligen Wochenlieder zu lesen sein. Was es mit diesen „Wochenliedern“ auf sich hat, soll zunächst kurz erläutert werden.

Was ein „Wochenlied“ ist, wird in der sogenannten Perikopen-Ordnung festgelegt. Eine überarbeitete Ordnung ist seit Advent 2018 in Gebrauch. Der Begriff Perikope (= Abschnitt) war ursprünglich die Bezeichnung für einen kurzen Textabschnitt aus der Bibel. Heute umfasst der Begriff die biblischen Lesungen und Predigttexte, die für die Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen ausgewählt wurden. Durch die Perikopen, zu denen im weiteren Sinn auch die Wochenpsalmen und die Lieder eines Sonntags gehören (Wochenlieder), erhält jeder Sonntag seinen besonderen Charakter. 

Im Laufe eines Kirchenjahres kommen ganz unterschiedliche biblische Texte zu Wort. Die Geschichte Jesu Christi wird zu den großen Festzeiten von Weihnachten und Ostern mit den Vorbereitungszeiten Advent und Passionszeit thematisiert. Im zweiten Teil des Kirchenjahres werden Lebens- und Glaubensthemen der christlichen Gemeinde dargestellt und vertieft. Dabei kommen Texte aus der gesamten Bibel, d.h. aus dem Alten und dem Neuen Testament und neuerdings auch aus den Apokryphen zu Wort. 

Die Lesungen biblischer Texte im Gottesdienst hat eine lange Geschichte. Schon im rabbinischen Judentum wurden Texte aus dem Teil der Bibel, den wir Altes Testament nennen, bei den gottesdienstlichen Feiern in der Synagoge der Reihe nach verlesen. Diese Lesungen von Bibeltexten übernahmen auch erste christlichen Gemeinden. Seit Ende des 3. Jahrhunderts gibt es festgelegte Leseordnungen in den christlichen Kirchen. 

Die einzelnen Perikopen-Texte sind zu „Lektionaren“, also (Vor-)Lesebüchern, zusammengestellt. Die gegenwärtige Auswahl der Texte und die Festlegung, an welchen Tagen sie gelesen werden sollen, erfolgte auf Vorschlag der Arbeitsgruppe Perikopenrevision durch die jeweiligen Kirchenleitungen. In dieser neuen „Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder“ (OGTL) sind nun statt einem Wochenlied jetzt zwei Lieder genannt. Die beiden Lieder unterscheiden sich in Epochenzugehörigkeit, Stilistik und Ähnlichem deutlich voneinander. Dabei sollen sie mit den Lese- und Predigttexten der jeweiligen Sonn- und Feiertage im Sinne der Konsonanz deutlicher zusammenklingen als bisher. „Gegenüber dem alten, im Kern aus den 1950-er Jahren stammenden Wochenliedplan verraten die Lieder in OGTL einen größeren Modernisierungsschritt als die Texte“ heißt es in der Einführung zur neuen Perikopen-Ordnung. Allein das ist schon ein Grund dafür, in den Andachten nun die Wochenlieder näher zu betrachten.

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Wochenlieder für den Sonntag Okuli, den 3. Sonntag in der Adventszeit

Die beiden Wochenlieder stammen aus unterschiedlichen Zeiten, sie haben verschiedene theologische Hintergründe und Zielsetzungen. 

Das ältere Lied „Jesu, geh voran“ stammt vom Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. 

Jesu, geh voran / auf der Lebensbahn! / Und wir wollen nicht verweilen,
dir getreulich nachzueilen; / führ uns an der Hand / bis ins Vaterland.
Soll’s uns hart ergehn, / lass uns feste stehn / und auch in den schwersten Tagen
niemals über Lasten klagen; / denn durch Trübsal hier / geht der Weg zu dir.
Rühret eigner Schmerz / irgend unser Herz, / kümmert uns ein fremdes Leiden,
o so gib Geduld zu beiden; / richte unsern Sinn / auf das Ende hin.
Ordne unsern Gang, / Jesu, lebenslang. / Führst du uns durch raue Wege,
gib uns auch die nöt’ge Pflege; /tu uns nach dem Lauf / deine Türe auf.

Zinzendorf hat den Liedtext im Jahr 1725 verfasst. Er geht auf Strophen aus den schon 1721 niedergeschriebenen Morgen-Gedanken und dem Lied Seelenbräutigam, o du Gotteslamm zurück. Von 1716 bis 1719 hatte Zinzendorf in Wittenberg Rechtswissenschaft studiert. Dort hatte er sich offen als „Pietist“ bekannt und sich neben dem Studium mit theologischen Fragen beschäftigt. In den Jahren 1719 bis 1721 hatte er eine zweijährige Reise durch einige deutsche Länder sowie durch die Niederlande und Frankreich unternommen. In Düsseldorf hatte ihn ein Passionsgemälde des italienischen Malers Domenico Feti (1589 – 1624) mit der Bildunterschrift: „Ego pro te haec passus sum. Tu vero, quid fecisti pro me?“ (Ich habe dies für dich gelitten. Was tust du wahrhaftig für mich?) besonders beeindruckt. Möglicherweise spielen die Erfahrungen dieser zweijährigen Reise mit in den Text des Liedes hinein. 

Die Melodie stammt von Adam Drese (1620 – 1701), der ab 1652 Hofkapellmeister in Sachsen-Weimar war. Zinzendorf übernahm sie schon für sein Lied Seelenbräutigam.

Einer ganz anderen Sprache bedient sich das zweite Wochenlied „Kreuz, auf das ich schaue“ von Eckart Bücken aus dem Jahr 1982:

Kreuz, auf das ich schaue, steht als Zeichen da;
der, dem ich vertraue, ist in dir mir nah.
Kreuz, zu dem ich fliehe aus der Dunkelheit;
statt der Angst und Mühe ist nun Hoffnungszeit.
Kreuz, von dem ich gehe in den neuen Tag,
bleib in meiner Nähe, dass ich nicht verzag.

Der Autor (geb. 1943) war zunächst Gemeindehelfer in der kirchlichen Jugendarbeit. Nach einem Studium der Sozialkunde war er lange Jahre Referent für kulturelle Bildung an der Akademie Remscheid und im Amt für Jugendarbeit der Evang. Kirche im Rheinland. Im Jahr 1996 ging er nach Faßberg in der Lüneburger Heide. Dort war er bis 2007 als Diakon und Chorleiter tätig. In seinem Passionslied will Bücken ohne „konservativ-biblische Worthülsen“ (Bücken über seine Texte) wesentliche Schlüsselbegriffe der christlichen Tradition neu zur Entfaltung bringen und so einen Zugang zu christlichen Themen und Inhalten schaffen. Hier soll ohne weitläufige Theologie mit einfachen Worten der Blick auf das Kreuz Christi als Zeichen der Nähe Gottes, als Zeichen der Hoffnung und Zuversicht gerichtet werden. 

Die schlichte Melodie stammt von dem ostdeutschen Kirchenmusiker Lothar Graap (geb. 1933), der lange Jahre das kirchenmusikalische Leben in Cottbus geprägt und viele Kompositionen für den Gottesdienst vorgelegt hat.

Bei allen Unterschieden lassen sich Gemeinsamkeiten zwischen beiden Wochenliedern finden. Dies gilt besonders dann, wenn die Texte in den Zusammenhang mit dem Wochenspruch gestellt werden. Er steht im Evangelium nach Lukas und lautet: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“ (Lk 9,62). Dieses bekannte Wort von Jesus steht am Ende eines Textabschnitts, in dem es darum geht, sich ganz auf Jesus, sich ganz auf seine Botschaft einzulassen. Es geht um den freien, unverstellten Blick nach vorn. 

Wir wissen, wie schwer es ist, sich von schlechten Erfahrungen, aber auch von eigenen Fehlern und Misserfolgen freizumachen. Wie viel Zeit wir damit verbringen können, über schiefe Worte und missglücktes Handeln nachzudenken. Lebenserfahrung kann hilfreich sein, aber auch ein Klotz am Bein. Im Grunde wissen wir doch, dass es keinen Sinn hat, über den zerbrochenen Milchkrug zu diskutieren und dabei auf die Milchpfütze am Boden vor uns zu starren. Da kommt es zunächst darauf an, einen Lappen oder einen Schwamm zu holen und die Milch aufzuwischen. Und lange darüber nachzudenken, was nun der Grund dafür war, dass der Milchtopf zerbrochen auf dem Boden liegt, hilft auch nicht wirklich weiter. 

Beide Wochenlieder nehmen dagegen das in den Blick, was vor uns liegt. Dabei fordern sie aber nicht einfach zu einem „Kopf hoch, schau nach vorne“ oder gar einem „Kopf hoch, es wird schon nicht so schlimm werden“ auf. Solche Sprüche helfen uns in unserer gegenwärtigen Situation überhaupt nicht weiter. Die Botschaften der Wochenlieder unterscheiden sich davon grundsätzlich, denn sie nennen das Ziel, den Punkt, den Ort, auf den wir schauen können und dürfen. Im Lied von Eckart Bücken wird dieser Punkt ganz klar benannt. Es ist das Kreuz von Jesus, und zwar das leere Kreuz. Das leere Kreuz ist Zeugnis für die Auferstehung von Jesus von Nazareth. Es ist das Zeugnis dafür, dass dem Tod die Macht genommen ist. Und es ist Zeugnis dafür, dass alles, was uns belastet, unsere Fehler und unser Versagen und unsere Schuld uns nicht weiter belasten müssen und können auf unserem weiteren Weg. Wir können immer wieder neu anfangen. Wir können immer wieder neu versuchen, unseren Weg zu finden.

Und wenn es mir doch einmal nicht gelingt, den Blick aus all den Sorgen und Fragen, die mich umgeben, zum Kreuz von Jesus zu heben, helfen mir die Worte von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Hier wird deutlich, dass es um den nächsten Schritt, die nächsten Meter meines Weges geht. Die nächsten Schritte kann ich tun, auch wenn ich das Ziel einmal aus den Augen verliere. Das kann ich, denn ich habe das Ziel im Herzen. Ob es mir dann gelingt, nicht über Lasten zu klagen, weiß ich nicht. Ich denke, auch die Klage hat ihre Berechtigung. Und manchmal müssen die Angst, der Schmerz, die Sorge und das Leid einfach aus mir herausbrechen können. Doch auch das muss mich nicht zurückwerfen, wenn ich das Kreuz vor Augen oder auch nur im Herzen habe. Und es bleibt mir die Bitte an den auferstandenen Jesus: „Bleib in meiner Nähe, dass ich nicht verzag“.

Dass Sie in den kommenden Tagen und Wochen nicht verzagen, wünsche ich Ihnen sehr,
Jürgen-Peter Lesch

Andacht für die Woche vom 13. bis 19. März 2022 von Sup.i.R. Jürgen Flohr

1 Nach dir, Herr, verlangt mich.
2 Mein Gott, ich hoffe auf dich;
lass mich nicht zuschanden werden,
dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.
3 Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret;
aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter.
4 Herr, zeige mir deine Wege
und lehre mich deine Steige!
5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!
Denn du bist der Gott, der mir hilft;
täglich harre ich auf dich.
6 Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit
und an deine Güte,
die von Ewigkeit her gewesen sind.
7 Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend
und meiner Übertretungen,
gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit,
Herr, um deiner Güte willen!
8 Der Herr ist gut und gerecht;
darum weist er Sündern den Weg.
9 Er leitet die Elenden recht
und lehrt die Elenden seinen Weg.

Psalm 25, 1 – 9

Liebe Lesende!

Wir lesen in diesem Psalm vom „zuschanden werden“, also vom unterliegen und von „frohlockenden Feinden“ und denken in unseren Tagen unwillkürlich an den Krieg in der Ukraine, der so plötzlich und erschreckend begonnen hat und anscheinend nicht enden will, - furchtbarerweise.  Niemand von uns hat wohl damit gerechnet, dass so etwas im Europa des Jahres 2022 geschehen könnte; desto mehr sind wir deshalb verunsichert und entsetzt.

Der Dichter des 25. Psalms hofft in seiner Notlage auf Gott; er bittet ihn um Wegweisung und Hilfe, um Leitung und Lehre. Er vertraut darauf, dass Gott hilft, dass er barmherzig und gütig ist, dass er auch Sündern einen Weg eröffnet und dass er die Elenden richtig leitet.

Können wir heute und hier dem Psalmisten folgen in seinem Vertrauen und in seiner Hoffnung auf Gott und Gottes Hilfe? Hat es Sinn, Gott um Beistand zu bitten, wenn Bomben fallen und Raketen einschlagen, wenn Menschen fliehen oder gar sterben?
Das sind sehr schwierige Fragen, und die Antwort kann nur jede und jeder von uns für sich persönlich geben. Mir geht es so, dass ich bei allem Entsetzen und in großer Unsicherheit gerade jetzt Gott um Hilfe bitten möchte: Dass er die Mächtigen zur Umkehr und zur Einsicht führen möge, damit sie aufhören mit ihrem bösen Handeln und zurückfinden zum Frieden. Wen sonst sollen wir bitten, dem grausamen Treiben ein Ende zu machen als Gott, den Herrn?
Dass wir daneben den Geflüchteten helfen und die Kriegstreiber in Ihrem schrecklichen Tun behindern, wo wir es können, versteht sich wohl von selbst.

Der Psalmdichter stellt in seinem Vers 3 fest, dass „keiner zuschanden wird, der auf Gott harret“, dass also das Vertrauen auf Gott am Ende doch helfen wird.
Hoffen wir, dass er auch heute recht behält und dass vielleicht auch unsere Gebete und unser Tun nicht umsonst sind in dieser schlimmen Lage und dass das grausige Geschehen in der Ukraine bald ein Ende nimmt.
Halten wir uns trotz und in all dem Schrecklichen an Gott, und erinnern wir ihn mit dem Psalmdichter an seine Barmherzigkeit und an seine Güte, und hoffen wir darauf, dass er die  Kriegsgreuel  beendet. 

Jürgen Flohr  

Andacht für die Woche vom 06. bis 12. März 2022 zu Psalm 97 - Sup.i.R. Christian Klatt

Mit Worten voller Gottvertrauen beginnt der Wochenpsalm am Sonntag Invocavit, dem ersten in der Passionszeit: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ (V. 1+2) Die poetische, bildreiche Sprache, in der Erinnerungen an das alte Heiligtum im Jerusalemer Tempel anklingen, ist ein schöner Ausdruck für die Gewissheit des Glaubens: Bei Gott bin ich geborgen. Diese Gewissheit wird uns auch in anderen Versen dieses Psalms zugesprochen: „Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.“ (V. 4) Oder: „Der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.“ (V. 9) Das sind starke und stärkende Worte. Worte, die uns in diesen aufgewühlten und sorgenvollen Zeiten gut tun. 
(Psalm 91,1-6 +9-12)

Einen naiven, blauäugigen Blick auf die Realitäten des Lebens wird man den Betern dieses Psalms nicht vorwerfen können. Im Gegenteil, Bedrohungen und Gefahren, vor allem durch schwere Krankheit ausgelöst, werden deutlich angesprochen (V. 5+6): „das Grauen der Nacht, die Pfeile, die des Tages fliegen, die Pest, die im Finstern schleicht, die Seuche, die am Mittag Verderben bringt.“ Es fällt nicht schwer, diese Kette schlimmer Ereignisse bis in unsere Gegenwart fortzusetzen: die Corona-Pandemie, die immer noch mit hohen Infektionszahlen unseren Alltag belastet, und neuerdings der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der nicht nur die Menschen dort, sondern auch den Weltfrieden im ganzen bedroht. „Du musst nicht erschrecken“, heißt es im Wochenpsalm (V. 5). Doch, wir erschrecken über vieles, was ringsum geschieht! Und wenn es in V. 10 heißt: „Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen“, dann klingt das fast zu schön, um wahr zu sein.
 
Doch dann endet der Wochenpsalm noch einmal mit einem ebenso tröstlichen wie hoffnungsvollen Bild: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ (V. 11+12) Viele werden bei diesen Worten auch den wunderbaren Chorsatz von Felix Mendelssohn-Bartholdy im Ohr haben. Diese beiden Verse, vor allem der erste Teil, sind schon seit Jahren ein „Renner“ unter den Taufsprüchen. Viele Eltern suchen sich diese Worte aus, weil sie spüren, dass es keine heile Welt ist, in die ihr Kind hineingeboren ist. Sie vertrauen es den „guten Mächten“ Gottes an und bitten ihn um Schutz und Segen für seinen Lebensweg. 
 
Zum Auftakt der Passionszeit ist dieser Psalm aus dem Alten Testament ein guter Begleittext zu dem, was uns im Neuen Testament über das Leiden und Sterben Jesu berichtet wird. An Jesus sehen wir, was es bedeutet, wenn einer allen widrigen Erfahrungen zum Trotz am Gottvertrauen festhält und „unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt.“ So wollen wir ihn mit den Versen des Wochenliedes zu Invocavit bitten:
Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ,
daß uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.
Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.
 
Bleiben Sie behütet und zuversichtlich,
Ihr Christian Klatt

Andacht für die Woche vom 20. bis 26. Februar 2022 - Pfr.i.R. Jürgen-Peter Lesch

HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht;
deine Wahrheit währet für und für. Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen.
Nach deinen Ordnungen bestehen sie bis heute; denn es muss dir alles dienen.
Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.
Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig.
Dein Wort macht mich klug; darum hasse ich alle falschen Wege.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.Erhalte mich nach deinem Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.
(Ps 119,89-92.103-105.116 – Lutherbibel 2017)

Manchmal passiert es mir, dass ich im Internet „nur so“ unterwegs bin. Dabei stieß ich vor kurzer Zeit auf die Frage: „Wie kann ich die Psalmen in einem Monat auswendig lernen?“ Die Antwort, die von sechs Nutzer*innen als „hilfreich“ bewertet wurde, lautete: „Geht es um eine Wette, oder was? Niemand muss alle 150 Psalmen auswendig können. Aber wenn Du es unbedingt willst: Stures Pauken ist die einzige Technik. Fang bei 119 an, das ist der Längste. Wenn Du den schaffst, gehen die anderen leichter … Gruß, q.“

Ob es ein sinnvoller und hilfreicher Weg ist, beim Auswendiglernen mit dem Psalm 119 zu beginnen, bezweifle ich allerdings. Es gibt viele Psalmen, die nicht nur kürzer, sondern auch in ihren Aussagen prägnanter sind. Sie können und sollen in bestimmten Lebenssituationen Erfahrungen von Leid Worte verleihen, Halt und Orientierung geben, Trost spenden und Mut machen. So sind z.B. die Psalmen 22 und 130 eindrückliche Klagelieder („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.“). Der Psalm 23 dagegen spricht vom unbedingten Vertrauen auf Gott („Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“). Und zum Reformationsfest gehört die schon fast trotzige Vertonung des Psalms 46 durch Martin Luther. Da wird aus dem Psalmtext „Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz“ die Liedzeile „Ein feste Burg ist unser Gott, ein‘ gute Wehr und Waffen“. Der Psalm 122 schließlich hat es in Großbritannien zu einer traditionellen Hymne gebracht und wurde zuletzt 2011 bei der Hochzeit der Herzogin und des Herzogs von Cambridge, also von Kate und William, in der Westminster Abbey gespielt.

Zurück zum Psalm 119 und der Frage nach dem Auswendiglernen. Tatsächlich bietet der Psalm trotz seiner Länge eine Hilfe dafür an. Seine 176 Verse sind nach den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets gegliedert. Jeweils acht Verse beginnen mit demselben Buchstaben. In der Übersetzung Luthers ist diese Gleichförmigkeit ein wenig nachgeahmt, wenn drei Verse beginnen mit: „Dein Wort …“. Damit geht leider jedoch etwas von der inhaltlichen Vielfalt des Textes verloren. Zwar ist in allen acht Versen vom „Wort Gottes“ die Rede. Doch im hebräischen Text stehen dafür verschiedene Begriffe. Es beginnt zunächst mit dem „Wort“, daran schließen sich ganz unterschiedliche Bezeichnungen an: Wahrheit, Ordnungen, Gesetze oder Weisungen, Verheißungen, Mahnungen oder Vorschriften und schließlich Zusagen oder Versprechen. 

Diese Vielfalt macht deutlich: Wenn wir das „Wort Gottes“, das uns in der Bibel begegnet, nur als „Gesetz“ verstehen, betonen wir nur einen Aspekt. Wichtig ist, dass das „Wort Gottes“ uns in der gesamten Bibel begegnet, im Alten wie im Neuen Testament. Es wäre ein großer Fehler, darunter im Alten Testament nur ein enges und strenges Gesetz Gottes zu verstehen und im Neuen Testament nur ein Versprechen von einem Leben in der Liebe Gottes, wie sie uns in Jesus begegnet. „Wort Gottes“ ist vielmehr ein Ausdruck für die vorsorglichen und fürsorglichen Ordnungen Gottes. Der Psalmbeter sieht diese Ordnungen in der und durch die Schöpfung des Himmels und der Erde bestätigt. Wir nehmen das in unserem Glaubensbekenntnis auf: „Ich glaube an Gott … den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Diese Vorstellung von der ordnenden und bewahrenden Hand Gottes erinnert uns daran, dass das Leben jeder und jedes Einzelnen auf wunderbare Weise eingebettet ist in die vorsorglichen und fürsorglichen Ordnungen Gottes. Das entbindet uns nicht davon, für uns, für andere Menschen, für Tiere und Pflanzen, ja für die gesamte Schöpfung auf unserer Erde Verantwortung zu übernehmen. Das Wort Gottes, die Ordnungen und Gesetze Gottes geben uns einen weiten Rahmen für die Gestaltung unseres Lebens in dieser Verantwortung.

Das Besondere, das Wunderbare daran ist, dass dieses Wort Gottes lebendig geworden ist. Es ist lebendig und leibhaftig geworden in Jesus Christus. Im Johannes-Evangelium lesen wir: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14). Oder anders übersetzt: „Er, das Wort, wurde ein Mensch. Er lebte bei uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Es war die Herrlichkeit, die ihm der Vater gegeben hat – ihm, seinem einzigen Sohn. Er war ganz erfüllt von Gottes Gnade und Wahrheit“. 
Jesus Christus ist das lebendige Wort Gottes. In seiner Botschaft von der Freiheit der Kinder Gottes und in seinem Eintreten für das Leben gegen alle Todesängste und Todessehnsüchte wird die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung sichtbar. Darum können wir die Bitte des Psalmbeters um ein erfülltes Leben hier und heute voller Zuversicht sprechen: „Erhalte mich nach deinem Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.“
Amen.

Andacht für die Woche vom 13. bis 19. Februar 2022 - Sup.i.R. Wilhelm Niedernolte

Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden,
errette mich durch deine Gerechtigkeit!
Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!
Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Meine Zeit steht in deinen Händen.
(aus Psalm 31)

Liebe Leserin,
lieber Leser,
der Sänger des Psalms besingt sein Gottvertrauen. Herr, auf dich traue ich. Auch heute leben Menschen von ihrem Gottvertrauen. Ich lebe auch davon. Zwar vertraue ich auch mir selbst, meinen Fähigkeiten und meinen Erfahrungen. Aber damit ich mein Leben bestehen und gestalten kann, brauche ich beides, Gottvertrauen und Selbstvertrauen, wobei ich nicht genau sagen kann, wieviel Gottvetrauen und wieviel Selbstvertrauen dabei zusammenkommen. Für den Psalmsänger ist das Gottvertrauen wie ein starker Fels, wie ein Fels in der Brandung; wie eine Burg, in der er Schutz findet, wenn Gefahr droht.

Doch nicht nur sein Vertrauen steht in Gottes Hand, sondern auch seine Zeit. Meine Zeit steht in deinen Händen sagt er. Der Dichter dieses Psalms formuliert eine Erfahrung, die Menschen auch heute noch machen können und machen müssen: Die Erfahrung der Unverfügbarkeit: Zwar lernen wir, über unsere Zeit und unser Leben zu verfügen, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen – für uns selbst und andere Menschen, Das ist manschmal mühsam, aber unumgänglich, damit wir mit den Dingen, die uns zur Verfügung stehen, angemessen umgehen können.

Und neben dieser Notwendigkeit, über unsere Zeit zu verfügen, steht die Erfahrung der Unverfügbarkeit. Wir haben über den Beginn unseres Lebens nicht verfügt, ebensowenig wie wir über unser Ende verfügen können. Der Psalmdichter wendet sich mit dieser Erfahrung an Gott, wenn er sagt: Meine Zeit steht in deinen Händen, Gott.  Das macht seine Erfahrung nicht weniger beschwerlich, aber er weiß seine Zeit eingebettet in die Zeit Gottes. Daher kommt sein Leben, dahin kehrt es zurück. Dieser Glaube an die Zeit Gottes gibt ihm seine Richtung, seine Orientierung. Die Zeit zwischen Anfang und Ende ist allerdings seine Zeit. Meine Zeit steht auch in meinen Händen - so muss man diesen Vers sinnvoller Weise ergänzen.
Aber nicht nur steht meine Zeit in Gottes Händen, meine Füße stehen auch auf weitem Raum. Du stellst meine Füße auf weiten Raum.  Der weite Raum – was bewirkt er bei Menschen: Neugier, Sehnsucht, Freiheit? Oder Bedrohung, Untergang, verloren gehen?

Für uns als Christen ist entscheidend, dass Gott uns in den weiten Raum gestellt hat: er traut uns zu, dass wir diesen weiten – faszinierenden und erschreckenden  - Raum durchschreiten, aber auch, dass wir unseren Weg vor ihm verantworten müssen. Gott hat uns in den weiten Raum gestellt – gehen müssen wir; und ihm und uns Auskunft und Rechenschaft geben müssen wir , darüber etwa, was wir mit unserem Geld und dem Geld anderer Sinnvolles getan haben, ob wir es genutzt haben, um unser Leben zu genießen und unseren Kindern einen guten Start zu ermöglichen  oder ob wir dazu beigetragen haben, dass die ungerechte Verteilung des Geldes verstärkt wurde.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Alle unsere Räume sind jedoch noch beengte Räume gegenüber dem weiten Raum, der am Ende unserer Zeit auf uns wartet, von dem Gerhard Tersteegen dichtet:

Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern
zur großen Ewigkeit.
O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne,
mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

Wird dieser weite Raum faszinierend oder beängstigend sein? Ich weiß es nicht. Aber ich habe Menschen kennen gelernt, die nach einem erfüllten Leben und im Vertrauen auf Gott auch diesen Raum unter die Füße genommen haben. Tersteegen lädt mich mit seinem Lied dazu ein, mein ganzes Leben – alle kleinen und großen Räume, alles Bemerkenswerte und Aufbewahrenswerte, aber auch  das viele Bedeutungslose –  zu verstehen als Unterwegs sein zu diesem Raum, zur großen Ewigkeit. Dadurch wird dieses Leben keineswegs bedeutungslos, aber es hilft mir, mich richtig einzuschätzen, denn: mein Heim, meine Heimat ist nicht in dieser Zeit.

Einstweilen aber ist es doch noch so, und es möge eine Weile auch noch so bleiben. Mein Heim ist noch in dieser Zeit. Vertrauen wir darauf, dass Gott unsere Füße in diesen Raum gestellt hat, in diese Zeit, bei diesen Menschen. Wandern wir aber auch so, dass wir den großen Raum der Ewigkeit nicht verfehlen. Dann werden wir überrascht sein, wie unser Weg verläuft, manchmal geradeaus, manchmal über Umwege, oft auf ausgetretenen Pfaden, manchmal durch völlig unbekanntes Gelände.
 
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.
Wilhelm Niedernolte, Sup. i.R.
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